Kommentare mit Publikationsrecht  erbeten

Der Hunger in Haïti

Kinder verhungern wie in Afrika

von Otto Hegnauer
(25.11.2008)

(auch publiziert am 1.10.08 in http://www.presse-kostenlos.de/neuigkeiten-und-aktuell/kinder-verhungern-hati_1505112.htm &
http://www.aqua-marina.de/articles/article-12.html)


Suche im Abfall

Nun ist es gewiss. Der Hunger grassiert auch in Haïti. Auch hier sterben vor Kinder Hunger. Keine Flugstunde südwestlich des Landes, wo jeder Mensch 1400-mal sein Eigengewicht, darunter drei Ochsen und mehrere hundert Hühner verzehrt, wo es für jeden Lebensmittel im Überfluss gibt und diese sogar weggeworfen werden, wo Fettsucht, Diabetes und Bluthochdruck das Leben bedrohen und wo sich drei von vier Frauen zu dick fühlen, jede vierte es tatsächlich auch ist.

Bisher kannte man nur die Fälle der Mittellosen, die in der Millionenstadt die Abfallberge nach etwas Essbarem durchsuchen, der Jungen, die beim Betteln den Hunger vorschützen, der Kinder, die in den Bidonvilles Schlamm und Unrat verzehren. Das alles wurde medienbekannt. Aber in diesen Tagen, so hörte man in den Medien, wurden auch verhungerte Kinder entdeckt. Die zu Dutzenden gestorben sind. Dies nicht mehr in den Bidonvilles, nein auf dem Lande. Hier hatte ich stets noch an die Möglichkeit der Selbstversorgung geglaubt. Ich habe mich getäuscht.

Baie d'Orange ist eine Bergregion nahe Belle Anse im Südosten Haïtis, von etwa 8000 Personen bewohnt, ganz nahe von Seguin und dem Nationalpark La Visite. Die Gegend ist verkarstet, die wenigen Äckerlein in den Dolinen müssen dem Boden mühsam abgerungen werden, das Wasser versinkt sofort in seine unterirdischen Abläufe. Die Zyklonen Fay, Gustav, Hanna et Ike zerstörten bei ihrem mörderischen Durchzug den Rest der ohnehin schon mageren Ernten. In der Gegend gibt es weder bezahlte Arbeit noch einen Laden, der Markt liegt viele Fussstunden weit weg, und er ist leer und verwaist. Von extremster Armut gegeisselt, haben die Familien nichts mehr um die Kinder zu ernähren.

Eine Mutter klagte: "Unsere Kinder sterben vor unseren Augen und wir sind machtlos, wir können sie nicht mehr ernähren." Letzte Woche fanden die Helfer vier leblose Körper von Kindern unter 7 Jahren, die offensichtlich mehrere Tage nichts mehr gegessen hatten. Zwei andere sind am Dienstag in den Armen der Ärzte gestorben, die gekommen waren um ihnen zu helfen.

Alle Kinder leiden an Unterernährung, und bei einem Besuch der MINUSTAH (United Nations Stabilization Mission In Haïti) am 21.November fand man 26 Leichen von bereits verhungerten Kindern. Die Katastrophe wurde damit endlich medien- und weltweit bekannt, und die Sektion Kanada der Ärzte ohne Grenzen wurde aktiv. 60 weitere Kinder wurden abgemagert, das Gesicht farblos, die Haare rötlich, die Füsse aufgebläht in einem Zustand akuter, teils lebensgefährlicher Unterernährung mit Helikoptern in die Spitäler von Jacmel, Cayes und Cité Soleil evakuiert. Nach ersten Diagnosen leiden die meisten zusätzlich an Marasmus und Malaria. Vom Hunger sind natürlich auch die Erwachsenen betroffen. Als Ersthilfe hat man mit Helikoptern Milchpulver, eiweisshaltige Nahrungsmittel und Medikamente in das gebeutelte Bergland geschickt.

In Haïti sind entlegege Regionen darbende Regionen. Es sind dies die meisten, und es leben in solchen noch Hunderttausende von Menschen. Es ist zu befürchten dass man in anderen entlegegen Regionen noch viel mehr Leichen entdecken wird. Ich kann leider zum Problem nicht mehr beitragen, als dieses mit diesem kleinen Beitrag im deutschen Sprachgebiet bekannter zu machen.

(französische Informationen unter
http://www.google.ht/search?hl=de&q=baie+d%27orange&btnG=Google-Suche&lr=

siehe auch http://www.un.org/av/tv/archives.htm

Andere Artikel des Verfassers (auch über Haïti) siehe Meine Artikel)

Swissfot
Otto Hegnauer


Nachträge :

Inzwischen sind einige Tage seit der verheerenden Heimsuchung durch die Hurrikane vergangen. Es ist still geworden um die Opfer - die Welt hat jetzt andere Probleme, zum Beispiel ihre Bankenkrise. Spät nach den tödlichen Überschwemmungen von Gonaïves entdeckten die Médecins sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der Nähe der Unglücksstadt auf der kleinen Riffinsel Praville etwa 2'000 Flüchtlinge, die in den Fluten alles verloren hatten. Sie hatten hier seit der Katastrophe auf felsigem Untergrund bei bis zu 5o Grad Hitze ausgeharrt, kein einziger Baum steht auf dem Riff. Die aufgefundenen Menschen waren in einem erbärmlichen Zustand. Die Kinder hatten durchwegs Fieber und werden dieses Jahr nicht mehr zur Schule gehen können. Ihre Eltern haben kein Geld, und die Mütter sind allein. Denn die Stürme haben ihnen auch noch den Vater und Ernährer genommen. Die MSF hat mit Helikoptern zuerst Zelte, Latrinen und Trinkwasser hergeflogend, as Venezolanische Konsulat hat Milchpulver zur Verfuegung gestellt - sie vermischen es mit schmutzigem Wasser und einer kleinen Portion Reis.

(Mehr dazu: Die vergessenen Menschen auf Praville)

Nach Pressemeldungen vom Neujahr 2009 ist in den Ländern Haïti, der Dominikanischen Republik, Nicaragua, Paraguay, Trinidad und Tobago, Bolivien und Panama die Unterernährung am ausgeprägtesten. Nach der Statistik der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) sind die traurigen Daten vergangener Jahre unverändert und zeigen keinrlei Verbesserung der Ernährungssituation. Besonders erschreckend ist, dass der Anteil Unterernährter sogar gestiegen ist. Auch wertet die Studie die Gefahr einer Verschlechterung in den Ländern Haïti, der Dominikanischen Republik und Nicaragua als am höchsten in Lateinamerika. Die Erreichung der Millenniumziele gegen Armut und Hunger scheint in diesen Ländern sehr unwahrscheinlich zu sein.


Leserreaktionen :

Schockierend ! Armut, ja, war bekannt, aber Hungertote in der *westlichen* Welt, im Hinterhof des Urlaub"paradieses" DomRep. gopf, man könnte meinen, dass bei einer UNO- + NGO-Präsenz seit zig Jahren, die Mio US$ pro Tag kosten, wenigsten *dieses* Problem gelöst werden konnte. (30.11.08)

Wie diesem sehr eindrücklichen Artikel (http://www.konpay.org/en/node/261) zu entnehmen ist, sind immer noch 2 Mio Haitianer auf Hungerhilfe angewiesen. (30.11.08)

Ich habe den Artikel zum Hunger in Haiti gelesen. Solche Not, ein solches Elend bewegt. Rasch stellt sich ein schlechtes Gewissen darüber ein, dass wir es hier so viel besser haben, unverdientermassen. Aber was kann der einzelne hier unternehmen, um dieser Not zu begegnen? (30.11.08)

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr steigt die Wut in mir auf. Auch in Haïti gibt es doch so etwas wie eine Regierung, was tut sie, was tun die Menschen vorort, um das Los der Mitmenschen zu verbessern. Wahrscheinlich gibt es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht, jeder gegen jeden wird die Maxime sein. Was hat Saint Exupéry einmal geschrieben: man solle den Menschen das Fischen lernen, dann bräuchte man ihnen keine Fische zu schenken. (30.11.08)

Vielen Dank. Dieser Artikel über die verhungerten Kinder hat mich sehr erschüttert. Mit freundlichem Gruß P.K.(2.12.08)

Ja, das ist traurig. Unsere irdische Welt ist in einem desolaten Zustand. Es wären viele Einzelne da, die zu helfen bereit wären, aber das ist alles weniger als ein Tropfen auf einen heissen Stein, wenn die Nothilfe nicht organisiert wird und wenn jene, die die Macht dazu haben oder hätten, nicht die Ursachen der Misere angehen. Einer der Gründe scheint mir darin zu liegen, dass die Mächtigen nicht moralisch und die Moralischen nicht mächtig sind. Das scheint je länger je mehr ein Gesetz zu sein, das darauf beruht, dass eine moralische Gesinnung das Haupthindernis ist, um zur Macht zu gelangen, und dass moralische Bedenkenlosigkeit die beste Voraussetzung dafür ist, um Macht zu erlangen. Angesichts solcher Gegebenheiten fühlt man sich völlig ausgeliefert, macht- und hilflos. Du bist ja ein grosser Idealist mit einer hochstehenden moralischen Gesinnung, aber Du siehst, dass Du selber auch nichts Wirkungsvolles tun kannst. Es ist zum Schreien. (5.12.08)

Die Schreckensnachrichten sind deprimierend, so viel Elend auf der Welt ! Was tun und wo beginnen? Aber - ich möchte nicht missverstanden werden - wir sind nicht in der Lage dieses Elend der Welt auf unsere Schultern zu heben und zu tragen; wir würden erdrückt, würden an der Welt und am Leben verzweifeln - das erinnert an die vielen Menschen in sozialen Berufen, die 24 Stunden lang die Probleme anderer wälzen (bis sie "ausbrennen" und dann gar nicht mehr helfen können). Deshalb bleiben wir dabei: Unterstützen wie bis anhin, wohl wissend, dass das der berühmte Tropfen auf den heissen Stein ist. (11.12.08)

Das ist wirklich sehr, sehr traurig! Nicht zu vergleichen mit einem Artikel der in unseren Zeitungen war. Trotzdem beschäftigt er mich heute noch. In Zürich leben ca. 300 Jugendliche unter 16 Jahren auf der Strasse. Jetzt ist Winter. Ich frage mich jeden Tag, wie sie bei diesem Wetter durch kommen. Klar, das ist nicht zu vergleichen. Es hat mich aber erschreckt, dass in der reichen Schweiz Minderjährige für sich selber sorgen müssen. Ich habe wie Viele die Hoffnung, dass Obama mehr in die Welternährung als in Waffen investiert. Aber erstens kann er nicht alle Probleme auf einmal lösen und zweitens weiss ich nicht, ob das Auswirkungen bis nach Haïti haben wird. Ich hoffe es! Finanzkrise hin oder her, wir müssten endlich anfangen zu teilen ! (11.12.08)


Regional picture catalogue/Katalog vorhandener Fotogalerienimage map with picture regions/Anclickkarte mit Aufnahmeregionenlocal arms of the area/Gemeindewappen der Regionandere Artikel von Otto Hegnauer

 

Leserreaktionen willkommen
( Bildecke oben links anklicken )