(Haïti, wohin treibst du ?)
von Otto Hegnauer, 15.9.08
veröffentlicht unter Pressetext
In Haïti spricht man Kreolisch und "kote w prale" übersetze ich mit "Quo vadis", oder "Wohin treibst du ?"

Ich betrachte Verallgemeinern als einen weitverbreiteten Grundfehler. Ich bemühe mich, diesen Fehler zu vermeiden; die geäusserten Meinungen betreffen meine eigenen Erfahrungen und meine urpersönliche Sichtweise. Meine Meinung habe ich mir in den 20 Jahren gebildet, in denen ich mich zuerst als Tourist, seit 1990 als Bauherr und seit etwa 1996 als Siedler mit den Problemen dieses Landes konfrontiert sehe. Die Beziehungen zu meinem Ursprungsland Schweiz habe ich nicht abgebrochen, pflege ich doch von hier aus meine Internet-Seite "Swissfot" und täglich eMails mit Freunden.
Ich habe Angst, als Experte zu gelten, denn Experten tragen eine Verantwortung, und das kann ich nicht. In den 60er Jahren machte ich Fernsehen, anfänglich noch Schwarzweiss. Ich erinnere mich an Diskussionen - man legte mir nahe, gewisse Meinungen zur Kamera nicht zu sagen, da man mich als "das Fernsehen" interpretiere und man Meinungen falsch verstehen könne. Ich aber sah mich weder als "das Fernsehen" noch als der Liebe Gott, und nahm an dass die Zuschauer wissen, dass ich nur meine persönliche Meinung sage. Dass "man" alles glaubt, was "das Fernsehen" sagt, ist vielleicht ein Problem, aber nicht meines.
Speziell was die lautstarken Minderheiten sagen, wird gerne verallgemeinert: hier die Drogendealer und Kidnapper, dort die "Bourgeois", so nennt man hier die Arrivierten, die es geschafft haben. Aber die grosse, schweigende, unbekannte Mehrheit (und ich hoffe nicht, jetzt ebenfalls zu verallgemeinern) ist anders. Natürlich meide man die die man (noch) nicht kennt, das ist Vernunft. Man meide Menschenansammlungen und sei vorsichtig. Man hat ja zwei Augen im Kopf und ein bisschen Hirn. Dann kann man alt werden in diesem Land - ich kenne viele und bin ja auch schon bald 80 Jahre "jung".
Leben und Leiden ist hier in Potenzen. Das macht es interessant, ich würde nie zurückkehren in ein "entwickeltes" Land oder gar in die Schweiz. Allerdings beginnt sich auch Haïti zu entwickeln, und mit zunehmender Entwicklung wird alles "normaler" werden.
Auf Haïti als vorgesehene Alters-Heimat kam ich durch meine Frau die ich in der Schweiz kennen gelernt hatte und die mir vor über 20 Jahren erstmals ihre Heimat zeigte. Am Weihnachtstag 1990 war ich wieder in Haïti in den Ferien. Ich war bei einem Schweizer Freund eingeladen, Martin Bandli, der in Gressier nahe der Küste ein prächtiges Haus gebaut hatte - ich hatte den Wunsch, das ebenfalls zu tun, und spazierte an besagtem Tag beim Einnachten über die Hügel am Meer. In der Luft glühten Millionen von leuchtenden Insekten, ein Bild das ich nie vergessen werde, und das mich bleibend beeinflusste: Hier möchte ich ein Haus bauen, träumte ich und entschloss mich dazu. Rundum gab es keine Häuser, die Aussicht aufs Meer war einzigartig. Doch es kam anders: ein Jahr später begann ich zu bauen, und heute stehe ich im Zentrum einer "Stadt". Die "Cité Paysan" breitet sich hinter dem Haus und auf beiden Seiten kilometerweit aus, die Leuchtkäferchen sind verschwunden und nie mehr wiedergekommen, Martin auch. Geblieben ist die einzigartige, unverbaute Aussicht vor dem Haus, hinunter aufs Meer, das den ganzen Halbkreis von links bis rechts umfasst, unverbaut dank der sumpfigen Küstenebene, die nur für archaischen Ackerbau, vor allem Reis und Zuckerrohr, und etwas Viehzucht genutzt wird. Ich habe dann, es war vor 12 Jahren, meine sämtlichen Zimmerpflanzen aus der Schweiz hiehergezügelt, und aus den ehemals miggerigen Topfpflanzen sind turmhohe Bäume geworden.
Mir gefallen die Gegensätze. Ich war 80mal in Afrika: als Journalist, als Fernsehreporter, als Filmproduzent, als Tierfotograf, als Reiseleiter von Studien- und Abenteuerreisen, als Bergsteiger, und auch als Privattourist. Ein Schriftsteller hat geschrieben, Afrika habe sich sehr verändert. Um noch altes Afrika zu erleben, müsse man nach Haïti reisen. Haïti sei afrikanischer als Afrika. Das Spektrum ist so breit wie nirgendwo: von den Einbaumkanus und anderen Steinzeitmethoden, den Voudou- und Opferkulten, den Tötungen eigener Kinder oder Famlienglieder um einen Teufel zu befriedigen, den Kinderverkäufen, -Vermietungen, -Versklavungen, -Vergewaltigungen, dem bis in Oberschichten verbreiteten wenn auch versteckten Kannibalismus, der Angst vor dem Auge der Fotokamera, dem Glauben an Zombies und zu Stieren verwandelten Menschen, den häufigen Meldungen über abgeschlagene und umhertransportierte Köpfe, Entführungen und andere Greueltaten.
Mir gefallen das tropische Klima und der meist blaue Himmel. Erst mit der Klimaänderung ändert sich das in den letzten Jahren. Mir gefallen auch die Pflanzen, die mächtiger leben als bei uns. Die Berge sind zwar ausgeraubt und kahlgeschlagen, aber es gibt Ausnahmen: in unzugänglichen oder privat gehegten Gegenden (ich war bei einem Bauern der "besitzt" kilometerweise Bergland und hegt und pflegt phantastischen Urwald) und in den zahllosen privaten Gärten spriesst die Vegetation urwaldähnlich.
Mir gefallen die Menschen hier. Eine Mischung von Indianern, Schwarz-Afrikanern und weissen Siedlern, stolz und sensibel, interessant und einzigartig. Wenn man sie kennt, öffnen sie sich, lachen und singen. Alles ist hier Musik, und Musik klingt aus allen Ecen und Enden, Tag und Nacht. Und was für Musik ! Die Menschen hier sind unheimlich gastfreundlich, teilen alles mit dir. Sie fordern nichts, arbeiten für dich, helfen dir auf der Strasse bei Pannen, überall - ohne etwas zu erwarten, gelegentlich sogar Geschenke ablehnend. Sie sind sensibel, impulsiv - Menschen ähneln ihrem Klima. Etwa den heftigen tropischen Gewittern, danach der besänftigende Regen und wenig später warmer Sonnenschein und tiefblauer Himmel, alles sofort auftrocknend und vergessen lassend.
Die Menschen, die ich kenne, sind stolz, abergläubisch, mystikbesessen, sensibel, ja überempfindlich. Immer wieder gelingt es mir nicht, Worte richtig zu formulieren, in eine genügend feine Waagschale zu werfen. Man hat einen Vorsprung an Wissen und glaubt, damit den Menschen zu helfen, ihnen etwas weiterzugeben. Aber da stösst man an ihre Sensibilität. Sie fühlen sich kritisiert, zurückgesetzt, als minderwertig beurteilt. Sie reagieren beleidigt, empfindlich, verstockt, oder unwirsch. Nichts aufdrängen. Ich denke da an Pestalozzi: "Erziehung ist nichts anderes, als dem Haschen des Menschen nach seiner eigenen Entwicklung Handbietung zu leisten". Man muss lernen, richtig zu dosieren und zu formulieren. Aber wenn es gelingt, dann lernt man Menschen kennen. Auch wenn ein Teil dieses "Problems" mit meinen Fremdsprachkenntnissen zu tun hat, ein grösserer Teil hat bestimmt mit ihrem Wesen zu tun,
Ich erzähle, was eben passiert. Ich bin privilegiert und besitze ein Allradfahrzeug. Meine Gastgeberfamilie wohnt in den "Schwarzen Bergen" über der Hauptstadt, mit dem Allradfahrzeug über steile und gefährliche Löcher"strassen" nahezu erreichbar, wenn es nicht geregnet hat.. Normalerweise dauert das zu Fuss und per Taptap (Sammeltaxi) mit Umsteigeetappen 2-3 Stunden, wenn das Geld für die Taptaps fehlt, kann der Fussmarsch über die Steilhänge schon mal Stunden dauern.
Der Vater meiner Gastgeberfamilie wohnt in den Bergen ob Tsavo, im Norden des Landes, bei uns würde man sagen ein Bergbauer, der mit Maultieren und Pferden hie und da seine magere Ernte hinunter "ins Tal" bringt, ein paar Stunden, ins Fischerdorf an der Küste, wo der nächste Markt liegt. Vor zwei Tagen ist er in die Stadt gekommen, von Tsavo ein paar Stunden kaum begehbarer Pisten.
Er ist in die Schwarzen Berge über der Stadt gekommen, um zum Arzt zu gehen. Gestern war er bei einem oungan, einer Art Heiler oder Magier, und hat sich da verspätet, denn wie bei uns muss man stundenlang warten und weiss nie, wann man drankommt. Wir hatten vorgesehen, mit der ganzen Familie nach Gressier zu fahren, an meinen Wohnort, damit der Vater am nächsten Tag im nahegelegenen Christianville einen richtigen Arzt besuchen könne. Nach Gressier sind es mit dem Auto zwei Stunden, seitdem die "Route de Rail" fast autobahnähnlich fertiggestellt ist - noch vor Wochen war dies eine beschwerliche Tagesreise. Wir mussten also die Schwarzen Berge spätestens um 16 Uhr verlassen, um nicht in die Nacht zu fallen, das muss man in Haïti vermeiden. Der Vater kam nicht um 16 Uhr, so mussten wir die Schwarzen Berge allein verlassen und kamen pünktlich zum Sonenuntergang bei mir zuhause an, die Familie mit Mutter, 5 Kindern und Dienstmädchen.
Heute früh weckte man mich um 3.30 Uhr - der heisse Kaffee und ein Brötchen waren schon bereit, Alson mein Hausbursche hatte den Wagen kontrolliert, das Wasser aufgefüllt, ich musste nur noch die Kerzen des Dieselmotors vorwärmen und den Motor anlassen. Gestern hatte ich vergessen, den Wagen wegen der nächtlichen Abfahrt vorwärts zu parkieren. Ich musste die enge, gekurvte Strasse durch meinen Garten rückwärts zurücklegen, ohne Rückfahrlichter fast ein Kunststück. Mit je einer Taschenlampe gingen mein Gardien Alson an der einen hinteren Wagenecke, meine Gouvernante Melissa an der anderen rückwärts voran und leuchteten die seitlichen Mauern ab. Die Rückwärtsfahrt hinaus auf die Strasse verlief erfolgreich, und wir fuhren die halbe Stunde vorsichtig über die nächtlichen Strassen nach Gressier, Collines und Christianville.
Christianville ist eine amerikanische Missionsstation mit Universität, Schulen, Kirche und Spitälern, mitten in einer ehemaligen Einöde, die die Amerikaner zu Urwald-Biotopen und prächtigen Parks gemacht haben. Hieher kommen an bestimmten Tagen Spezialärzte aus den U.S.A., zum Beispiel jährlich einmal ein Augenarzt oder ein Spezialist für andere Krankheiten. Ein solcher Tag ist heute, und eben darum kam der Vater aus Tsavo in die Gegend.
Um 4 Uhr morgens sind wir vor der richtigen Klinik, wo bereits Menschen warten. Man muss so früh sein, weil man Nummernkarten erhält - wir haben Gück, Melissa bekommt für ihren Vater die Nr. 7, bald wird es die Nr. 100 sein und höher. Damit würde man tagelang warten müssen. Wir verabschieden uns von Melissa, sie muss jetzt zurückbleiben und den Vater erwarten. Er muss es selber hieher schaffen, zu nächtlicher Stunde mit Taptaps, wieder ein Kunststück.
Ich fahre mit Alson zurück - alle schlafen noch, auch ich will das tun für den Rest der Nacht, aber jetzt schreibe ich diese Zeilen. Unten im Esszimmer finde ich auf dem Tisch die beiden Taschenlampen, die Alson und Melissa um 3.30 Uhr gebraucht hatten, um mich rauszumanövrieren. Ich war gerührt, hatte ich doch erwartet, dass die beiden diese Lampen unterwegs benötigen würden und mitgenommen hätten - sie hätten mich ja fragen können. Aber die Taschenlampen standen da.
7 Uhr, 3 Stunden später. Mitou, ein Kind von 8 Jahren, stört mich beim Schreiben. Ich sage dies, sage auch dass ich über sie schreibe, sie bedankt sich dafür - ein cleveres Mädchen. Sie liest schon und fragt mich Dinge über ISS und den Weltraum, das Wesen der Tiere, die Mystik, ein Leben nach dem Tod - Fragen die ich nicht von einem 8jährigen erwarte, und teils auch nicht beantworten kann.
Ich habe ein grosses Schwimmbad im Garten, das ich seit Jahren nie genutzt habe - aber heute mit den Kindern bestehen Bedarf und Bedürfnis. Natürlich kein Strom - mein Solarpanel-Batterien-Gleichrichter-System habe ich nur für Antennen- und Internetzwecke vorgesehen. Ich erkläre Mitou, dass sie im Moment der Boss ist und Verantwortung spüren soll. Zum Beispiel liegen im Betonbecken des Schwimmbads Blätter und Staub, die man wegwischen muss bevor an ein Füllen mit Wasser (Strom vorausgesetzt) zu denken ist.
Aus dem tropischen Ziergarten fische ich ein paar weggeworfene Zellophansäckchen von Naschereien, zeige sie Mitou und erkläre, warum man Zellophan-, Metall-, Karton-, Papier-, Plastik- und andere unnatürliche Abfälle in den Kübel, niemals in die Natur oder den Garten "entsorgt", wie das in der Hauptstadt üblich ist. Dort sind Flüsse, Kanäle und selbst das Meeresufer tonnenweise mit uverdaulichen Abfällen überschüttet und dienen leider der Bevölkerung als Vorbild.
A propos Kübel, habe ich vor Jahren auch mitgenommen aus der Schweiz, luxuriöse Dinger mit herausnehmbarem Innenteil, auf zierlichen Füssen stehend. Heute sind die Dinger verschwunden, sie mochten zum Wasser tragen, Kochen oder Weiss-nicht-was gedient haben, und als Kübel dienen leere Schachteln. Auch dass diese stehen bleiben und regelmässig geleert werden, brauchte geduldige Ausbildung meiner Hausmädchen und -burschen.
Dem Dienstmädchen von Melissa muss man noch vieles erklären - dass Porzellan und Glas zerbricht und kostbar ist, ist kaum verständlich wenn man bisher nur aus Plastik und Metall gegessen und getrunken hat. Dass ich Silberbesteck liebe und gerne damit esse - mit den letzten Stücken die mir davon geblieben sind - ist kaum verständlich wenn man nicht den Unterschied zwischen Blech und Silber kennt.
Selbst "Diebstähle", die in meiner Umgebung zum Glück nicht passieren, müssen mit einer anderen Brille betrachtet werden. Häufig als Verwendung des erstbesten Objekts, das man gerade für etwas benötigt, zum Ort des Geschehens entführt und dort liegen lässt. Wie oft habe ich gestohlen geglaubte Dinge irgendwo verrostet aufgefunden, manchmal nach Jahren. Alles Deplazierte zurücklegen dorthin, wo man es gefunden hat, ist ein grundsätzliches Lehrstück für jedermann.
Ein Teil der "Diebstähle" entpuppt sich als mangelnde Disziplin Gebrauchtes zurückzulegen und Liegenlassen, ein anderer als vermeintliches Teilen, wie es in der Kultur und in jeder Familie hier üblich ist und erwartet wird.
Das Land hat einen schlechten Ruf. Da sind die Warnungen aller Regierungen, ja nicht in dieses Land zu reisen. Tatsächlich würde ich einem normalen Touristen, der keine Menschen hier kennt, auch davon abraten, besonders allein. Man hört von der extremen Kriminalität, wo jeder riskiert bestohlen oder entführt zu werden. In früheren Jahren konnte man selbst auf dem Flughafen gekidnappt werden, was schon Botschaftern und UNO-Offizieren passiert ist - selbst unter extremen Sicherheitsvorkehrungen und Umstellung des Airports mit Panzern. Und wenn man ein Taxi bestieg, konnte man nie wissen, ob einen dieses ans Ziel oder zu Kidnappern brachte.
Da gab es eine Zeit ohne Journalisten. Dann wagten sich einige zaghaft ins Land. Was sie von sich gaben, war punktuell und entsprach nicht dem verallgemeinerten Bild des "Normallesers" (auch eine Verallgemeinerung ?). So schrieb ein Vertreter des wohl bekanntesten deutschen Magazins während der amerikanischen Nach-Cédras-Invasion, Haïti gleiche einem einzigen Heerlager. Das war um den Flughafen, auf der Strecke von dort zum Nobelhotel El Rancho und ums Hotel herum durchaus der Fall, aber keineswegs andernorts - die Beschreibung für "Haïti" entsprach nicht meinem Eindruck. "Auf dem Land" war es ruhig, friedlich und "normal". Ich hatte aufgrund des Artikels den Eindruck, der Journalist sei bloss 2-3 Tage "im Land", und überhaupt nie "auf dem Land" gewesen und hätte sich nie vom besagen Hotel entfernt.
Ähnlich ein Artikel im bekanntesten französischen Magazin. Dort wurde beschrieben, wie mit Involvierung des damaligen Präsidenten und seiner Familie ein Kleinkind aus dem Universitätsspital geraubt und in den Präsidentenpalast enführt worden sei. Dort habe - mindestens im Wissen und Einverständnis der Präsidentenfamilie - eine Voudou-Orgie stattgefunden, und das Kind sei geopfert worden. Die verzweifelten Proteste der Mutter wurden vertuscht. Ein UNO-Offizier bat mich, in Paris eine entsprechende Nummer mit der Beschreibung zu besorgen und ihm zu bringen, was mir auch gelang.
Einem anderen Journalisten wurden angeblich die Augen ausgestochen - von mittelalterlichen Greuelmethoden hörte man täglich. Kein Wunder, dass die Nachrichtenlage schweigsam blieb und Journalisten kaum motiviert waren, über Land zu reisen. Mit der nötigen Eskortierung liessen sich auch kaum brauchbare Nachrichten beschaffen. Dazu kommt der unsagbare Stolz der Haïtianer, ihre Sensibilität und Verletzlichkeit. Selbst in der Familie ist es gefährlich, Wahrnehmungen weiterzugeben - du wirst allzurasch als "Verräter" und "Schlechtreder" empfunden, und die Wahrheit bleibt ohnehin verborgen - man kann dafür umgebracht werden.
Ein lieber Freund, ein Schweizer, etwa gleich lang im Land wie ich, sehr wohlhabend, hatte mir erzählt, wie billig es sei, einen Mörder zu kaufen. Für ein paar Dollar bringe er dich um. Ich kenne niemanden, der das Leben mehr liebte als er. Er ass zu jedem Frühstück eine Knoblauchzehe und gab mir auch eine. Er sagte spasshaft, jede Zehe bringe dir ein Lebensjahr mehr. Plötzlich verstarb er, angeblich Selbstmord durch Erschiessen. Ich kann diese Version nicht glauben.
Ein anderer Freund, auch ein Schweizer, kam in allen Ferien hieher. abenteuer- und unternehmungslustig aber unvorsichtig. Gegen meinen Rat ging er allein aus - was ich in diesem Land stets unterlassen habe. Einmal kehrte er nicht mehr zurück, man fand das Auto samt Dokumenten und Geld - aber nie eine Spur von ihm. Das war vor etwa 12 Jahren. Seine Familie stellte dem Schweizer Konsulat eine hohe Summe zur Verfügung, die für Spuren ausbezahlt werden könne. Es wurde nie etwas abgeholt.
Es herrschen hier andere Werte. Man weiss manchmal nicht welche. Leichen Unbekannter werden liegen gelassen, sogar auf der Hauptstrasse, und von Hunden gefressen, Kinder werden verdingt, vermietet, verkauft, versklavt oder verspeist, junge Mädchen werden gekocht und gegessen, und zwar angeblich auch von Reichen. Ich habe gehört, dass eine bekannte Bourgoisie-Familie in Montagnes Noires stets 3-4 junge Dienstmädchen beschäftigt, die zum Verspeisen bestimmt sind. Immer wenn die "Dienstälteste" verschwunden ist, wird sie durch eine jüngere ersetzt. Und ich habe gehört, dass in Petit-Rivière-de-Nippes ansässige Weisse jahrelang Kinder fingen und angeblich verspeisten, bis sie von der aufgebrachten Bevölkerung und der Polizei des Landes vertrieben wurden.
Köpfe werden mit Macheten abgeschlagen und gehandelt, meist im Versteckten. Vor etwa drei Jahren machte ein Fall in der Presse Furore. Dies nur, weil es einer Haïtianerin gelungen war, auf rätselhafte Weise die rigorosen Kontrollen von Polizei und American Airlines zu täuschen und mit einem Handgepäck durchzukommen, das einen abgeschlagenen Kopf enthielt. Sie reiste mit dem makabren Gepäckstück bis nach Miami, wo sie auf dem Flughafen ertappt und verhaftet wurde. So wurde der Fall publik.
Wenig später wurde in einer Schlucht nahe dem Haus meiner Gastgeber ein Sack mit einem Dutzend Köpfen gefunden, der in die Runse hinuntergeworfen wurde.
Die UNO kam mit zehntausend Soldaten und tausenden von weissen Polizisten aus "entwickelten" Ländern, und Kanada setzte einen siebenstelligen Dollarbetrag ein, um aus dem Land einen "Rechtsstaat" zu machen. Ein fast unmögliches Unterfangen, bei der eingewurzelten Kultur, die jahrhundertelang (oder länger) stehen geblieben ist. Und der erste UNO-General beging angeblich Selbstmord - mitten in seinem Hauptquartier, im schwerbewachten Luxushotel Montana, inmitten von Panzern und Sicherheitskräften aus allen Ländern.
Meines Erachtens ist die UNO (die Mission heisst MINUSTAH) eine vorbildliche Truppe. Stets in tadellosem Tenu, stets behelmt, die Waffe in der Hand, nie gesehen im Ausgang, die zahlreichen Camps weit entfernt von den Siedlungen, freundlich-korrekt, erledigen die Soldaten in aller Stille ihre Aufgaben. Stehen oft stundenlang in Uniform und schuss-sicherer Weste in praller Sonne. Der Ruf bei der einheimischen Bevölkerung ist ungerecht. Man sagt, dass sie Mädchen vergewaltigen (ohne je im Ausgang zu sein ?) und Ziegen stehlen (war sogar ein beliebtes Karneval-Thema). Man nennt sie "Amerikaner" (was nie stimmt) und versucht sie rauszumobben.
Der einzige Fehler den ich kritisiere: schlechte psychologische Kriegführung. Man sollte zielgruppengerechtere Propaganda machen in den Medien und anderswo, etwas unternehmen gegen die diffamierenden Verleumdungskampagnen, die Medien besser einsetzen. Die meines Erachtens zu junge Pressesprecherin ist nicht zielgruppengerecht, kommt weder mit ihem Auftreten noch mit ihrer intellektuellen, komplizierten Sprache bei der Masse an. Schade.
Trotz MINUSTAH grassierten jahrelang Entführungen der schlimmsten Art, und am Anfang wurden einheimische Polizisten und ausländische Soldaten im Dutzend getötet. Noch schlimmer: man sprach beim Kidnapping von einer "Industrie", die in den Händen der Reichen, oft der Polizeiführer liege.
Im übrigen finde ich die UNO psychologisch grossartig. Zum Beispiel vermeidet sie jede Provokation durch militärische Einschüchterung. Wenn etwa in einer Provinzhauptstadt die Durchgangsstrassen stundenlang blockiert sind, durch Demonstranten die ästeschwingend in Sprechchören die Rückkehr des von den Amerikanern und Franzosen "entführten" Präsidenten fordern, marschieren und schreien angeblich MINUSTAH-Spitzel in Zivil mit den Demonstranten mit, und hinter dem Zug fahren unauffällig Wagen mit Verbindungen und Notfall-Dispositionen. Psychologisch gekonnt hat die Weltgemeinschaft auch ausschliesslich schwarze Soldaten aus befreundeten Nationen nach Haïti geschickt. Offensichtlich um die verbreitete US-Feindlichkeit nicht noch mehr zu schüren. Das hindert die haïtianischen Hitzköpfe keineswegs, weiterhin von amerikanischer Besetzung und Provokation zu sprechen, und die UNO hat fast tägliche Demonstrationen zu erdulden, die ihren Rückzug aus dem Land fordern. Das Land würde augenblicklich in ein bodenloses Chaos zurückstürzen.
Heute hat das gebessert. Viele Haïtianer sind aus der Diaspora, wie man ihre ausländischen Wohnstaaten nennt, zurückgekehrt, investieren und bauen. Ein Problem ist, dass sie das ganze Land verbauen - eine Bau- und Regionalplanung fehlt. Neue Probleme werden entstehen. Im Moment ist Haïti wie kein anderes ein Land der Gegensätze. Gegensätze zwischen europäisch Bezahlten (sonst kommt niemand hieher) und einheimisch Verdienenden (ein Arbeiter bekommt 2-5 US$, ein Fabrikaufseher 50-80 US$/Tag). Gegensätze zwischen den modernen, autobahnähnlichen neuen Strassen und den traditionellen Schlamm- und Löcherpisten. Gegensätze zwischen den Lebensmittelpreisen in den neuen Supermärkten (teurer als bei uns) und den Strassenmärkten.
Problematisch bleiben die Naturkatastrophen. Eine Reihe von Hurricanes fegten über das Land und hinterliessen tausende von Toten, zehntausende von Häusern sind weggeschwemmt (Reportage dazu). Zur Zeit liegen Flugzeugträger auf dem Meer, ohne Unterlass starten Superpumas mit Hilfsgütern gegen den Norden. Die Haïtianer sagen, 90 % der Hilfsgelder flössen in die Taschen von Reichen, seien gestohlen. Schwer ihnen begreiflich zu machen, dass das Problem in der ungleichen Bezahlung liegt: kaum einer der gutausgebildeten Spezialisten kommt hieher wenn er gratis arbeiten muss. Und die in Industriestaaten üblichen Löhne werden als "Diebstahl" empfunden, die Hilfsgelder seien doch für die Armen und Notleidenden bestimmt.
Aber nochmals: Ich schildere meine Sichtweise aus 20 Jahren Haïti. Ich wünsche dem Land voller Probleme zu deren Lösung ich leider auch keine Vorschläge habe, und seiner Jugend eine raschere Besserung, eine bessere Zukunft und genügend Geduld. Denn ein paar hundert Jahre Zerstörungswut lassen sich nicht über Nacht wegfegen. Wenn die heutige Jugend einmal "am Steuer" sein wird, dann wird es sich bessern.