Kolumnen von Otto Hegnauer


Not in der Republik der Hilfswerke

NZZ am Sonntag vom 12.01.2014, Seite 5

4 Jahre nachher ...


Sandra Weiss, Port-au-Prince

(13. Jan. 14)

Aeschbi&Otti

Otto Hegnauer als Gast von Kurt Aeschbacher

Vier Jahre nach dem Jahrhundert-Erdbeben geht es den Menschen auf Haiti so elend wie zuvor Haiti hat die Chance für einen Neuanfang nicht genutzt. Die Politik hat nötige Reformen versäumt. Schuld sind aber auch ausländische Helfer, die nicht ganz so selbstlos sind.

«Wo ist das viele Geld geblieben? Warum kommen die Ausländer immer nur kurz vorbei, und dann passiert doch nichts? Und die Regierung, warum kümmert die sich nicht um ihr Volk?» Manchmal kocht die Wut in Samantha Jean-Pierre für einen kurzen Augenblick hoch. Doch meistens braucht die 39-Jährige ihre Kraft für andere, alltägliche Dinge: Wasser holen, Wäsche waschen, Essen kochen. Das sind Dinge, die eine immense Kraft verlangen, wenn man in einem Zeltlager lebt, so wie Samantha mit ihrem Mann und den vier kleinen Kindern. Zwei kamen auf der durchgelegenen Matratze unter der löchrigen Zeltplane zur Welt.

Im Lager Icare lebt die Familie seit jenem fatalen 12. Januar 2010, als ein Erdbeben die Hauptstadt Port-au-Prince in Schutt und Asche legte. 250 000 Tote, 300 000 Verletzte und über eine Million Obdachlose gab es damals zu beklagen. Kurz nach der Jahrhundertkatastrophe übernahmen die Nichtregierungsorganisationen das Zepter, die Hilfswerke aus aller Welt. In der ganzen Stadt stellten sie graue und blaue Zeltplanen mit dicken Logos auf. Jeder wollte damals Latrinen aufstellen, Kinder beschulen, Wasser verteilen. Kein Reporter und kein Katastrophenhelfer, der nicht Bilder schoss. So kamen die zuvor anonymen Slumbewohner über Nacht zu weltweiter medialer Bekanntheit.

Heute ist der Tross längst abgezogen, und andere haben das Sagen. Dort, wo einst das Regierungsviertel stand, kündigen rote Bauzäune und Transparente neu erbaute Ministerien an, finanziert von Venezuela und Taiwan. 90 Prozent der Investitionen im Staatshaushalt stammen aus der Schatulle von Petrocaribe, dem sozialistischen Bündnis, das mit venezolanischen Petrodollars finanziert wird. Präsident Michel Martelly nutzt das Tauziehen zwischen den USA und den sozialistischen Staaten Lateinamerikas geschickt aus.

Haiti hat noch mehr Sponsoren. Die neuen roten Strassenschilder spendete Digicel, die marktbeherrschende irische Mobilfunkgesellschaft. Brücken und Strassen finanziert die Europäische Union. Mittendrin macht auch Staatschef Martelly Werbung: «Haiti ap vanse» steht auf den Plakaten in Baby-Rosa, Haiti kommt vorwärts. Die Graffiti auf den Bauzäunen behaupten das Gegenteil: «Der Wiederaufbau ist eine Heuchelei.»

«Der Wiederaufbau ist längst kein Thema mehr», urteilt der Direktor von Radio Métropole, Richard Widmaier, in seinem winzigen Büro auf halber Höhe zwischen dem Stadtzentrum und dem reichen Villenvorort Pétionville in den Bergen. Um zu ihm zu gelangen, muss man eine Menge Bauschutt umkurven. Was aufgebaut wurde, ist sichtbar: der Flughafen, Banken, neue Hotels, Supermärkte und Plätze. Ein Hauch der Moderne weht über der Hafenstadt. Doch was ist mit den versprochenen Häusern für die Obdachlosen? «Niemand geht mehr davon aus, dass das noch gemacht wird», sagt Widmaier.

Voodoo und Solarlampen.

Das Sichtbare ist im Land des Voodoos nur eine Maske. Legt man sie ab, kommt anderes zum Vorschein. Da sind zum Beispiel die neuen solarbetriebenen Strassenlaternen in Haitis Hauptstadt: Die Kollektoren wurden von der Stabilisierungsmission der Uno in Haiti (Minustah) gespendet. Diese suchte die Kooperation mit der Regierung, denn schliesslich will man die Institutionen stärken. Die Haitianer sollten die Pfosten besorgen und die Laternen aufstellen. Dafür gab es technische Vorgaben. Als die Uno-Experten zur Schlussabnahme kamen, waren die Laternen zu niedrig, der Beton minderwertig, und die Pfosten standen viel näher beisammen als veranschlagt.

Wunderbar hell erleuchtet war zwar nun die Delmas-Strasse auf dem Weg zu Widmaiers Büro, doch für die Rue du Canapé-Vert gab es keine Laternen mehr. Schliesslich liess sich ein europäisches Geberland breitschlagen und spendete erneut, um die Beleuchtungslücken zu füllen.Nach Plan läuft in Haiti nur selten etwas. Fast jeder bürokratische Vorgang verwandelt sich wie von Zauberhand in surreale Poesie.

Das gilt auch für das Armenviertel Fort National, wo die obdachlose Samantha Jean-Pierre früher wohnte. Tausende von Sozialwohnungen sollten hier errichtet werden. Der Stadtpräsident beauftragte ein einheimisches Architekturbüro mit einem alternativen Bebauungsplan, nachdem schon der Planungsminister eine kanadische Firma und der Finanzminister die Stiftung von Prinz Charles beauftragt hatte. Drei Pläne, dreimal Honorar, kein einziges Haus. Die Modellsiedlung, in der Samantha Jean-Pierre hätte wohnen sollen, wird es wohl nie geben. Ähnlich wie in Fort National lief es im ganzen Land ab. Für die über eine Million Obdachlosen wurden laut dem US-Zentrum für wirtschaftliche und politische Studien (CEPR) nur 6000 Häuser gebaut. Die Helfer hatten eines nicht bedacht: Haiti hat kein Landkataster, und auf jedes Stück Boden erheben im Schnitt drei Personen Anspruch. Wessen Papiere gefälscht sind, wessen echt und wessen durch Korruption erschlichen, ist kaum zu entwirren.

Mega-Slum statt Aufbau

Die Hilfsmilliarden wurden indessen für anderes ausgegeben. 53 Prozent flossen laut der Kommission für den Wiederaufbau (CIRH) in Logistik und Nothilfe wie importiertes Wasser und Zeltplanen. 90 Prozent gingen an der haitianischen Regierung vorbei und landeten vor allem in den Taschen ausländischer Berater und Baufirmen. Nur 2,5 Prozent der Gelder wurden direkt an die Opfer ausbezahlt.

Das traurige Ergebnis ist 18 Kilometer nördlich von Port-au-Prince zu besichtigen: Auf kargen Hügeln basteln Hunderttausende derzeit am nächsten Mega-Slum. Wellblechhütten neben Steinhäusern und Zeltplanen. Ohne Wasser, ohne Strom, ohne Strassen und ohne Schulen. Die Keimzelle der nächsten Katastrophe. Drei Viertel der Haitianer überleben mit weniger als zwei Dollar am Tag. Manchmal schaffen Samantha und ihr Mann mit Näharbeiten oder als Strassenhändler nicht einmal das. Dann gibt es nur einen Teller Reis am Tag. Die einzige Investition, auf die Samantha nicht verzichten will, ist die Schuluniform ihrer Kinder. Ihnen soll es einmal besser gehen. Lesen und schreiben können nur zwei Drittel aller Haitianer. Samantha Jean-Pierre selbst brach die Schule ab, als ihr Vater krank wurde. Das bereut sie heute: «Nur wer etwas weiss, bringt es weiter im Leben», sagt sie.

Unter Multimedia-Version gibt es eine ausführliche Version dieser Reportage.

Gesendet aus der iPad-App der « Neuen Zürcher Zeitung »

Konto für Spenden ESMONO: Mystal C.Melise Kto.1711038636 Sogebank Truitiers Haïti SWIFT SOGHHTPP

Fotos von ESMONO
Fotos von ESMONO 2

www.swissfot.ch www.100-days.net/de/projekt/haiti-schule-tut-not www.crupefoundation.org/ESMONO-school www.ESMONO.ch http://www.esmono.fr (i.Vorb.) http://www.ESMONOhaiti.ch http://www.ESMONO-haiti.ch https://www.facebook.com/pages/Soleil-sur-Montagne-Noir/171865326206715 www.rocketpark.ch/ ESMONO-schule-fur-strassenkinder Hegnauermarken

mit Sternen gepflastert