Kolumnen von Otto Hegnauer


MEVA hat überlebt!

von Otto Hegnauer

(25.07.2011)

Wir suchen eine neue Schule

Wir helfen, aber das reicht nicht

Du erinnerst dich meiner Kolumne MEVA der Strasse nach aufwärts, Was deutsche Spender fertig brachten kurz vor dem schrecklichen Erdbeben. Die Reaktionen meiner Leser waren so bewegend, dass ich einige wiederhole:

"Lieber Herr Kaasch und Familie, Ihre Arbeit ist super. Man spürt, dass hier kein Cent Spendegeld abgezweigt wird für Löhne und Autos, Reise- und Hotelspesen der Funktionäre, alles kommt den armen Kindern zugut. Wenn es nur mehr Leute gäbe wie Sie ! Bravo und weiter so !"

"Das ist ein Artikel mit Feuer und Herz. Wir danken Ihnen dafür!"

"Wie oft höre ich doch hier in Europa den Satz "es hat doch alles keinen Sinn", und ich will gestehen, dass ich dies auch schon gedacht habe. Dieser farbige Bericht, der mir die ganze fröhliche Atmosphäre und den aufbauenden Geist in dieser Schulgemeinschaft erlebbar macht, weckt neue Hoffnungen und neuen Mut."

"Unwillkürlich muss ich an den Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi denken, der überzeugend dargetan hat, dass eine Erneuerung der Gesellschaft auf einer guten, menschengerechten Erziehung beruhen muss. Schade, dass ich schon 75 bin und es mir nicht mehr leisten kann, diese wunderbare Schule mit eigenen Augen zu sehen."

"Herzliche Gratulation auch dem Berichterstatter Otto Hegnauer. Er trägt mit seinen Mitteln das Seine dazu bei, dass es auf einem Stück Erde ein bisschen besser wird. Danke."

Drei Monate später, die wunderbare Schule ist nicht mehr, ich hatte sie noch rechtzeitig dokumentiert. Auch mein eigenes, langaufgebautes Haus und Paradies in Gresye besteht nicht mehr, wie auch die meisten anderen Schulen. 316.000 Menschen sind unter den Trümmern gestorben, wohl ebensoviele zu Krüppeln geworden, Millionen von Häusern in Scherben, Schlamm und Schutt verwandelt, und Millionen von Kindern haben keine Schule mehr. 15 Jahre brauche es, das Land einigermassen wieder aufzubauen, verkündeten die Optimisten.

Von den Pessimisten sprechen wir lieber nicht, die wollen das überhaupt nicht mehr erleben, sprechen von Weltuntergang. Vielleicht haben sie recht, kommt drauf an, was man unter "Welt" versteht. Natürlich kam der "Geldsegen" auf der Stelle. Vielleicht war es kein Segen, sondern ein tropischer Sturzregen. Die Welt war fassungslos, ratlos, die Milliarden kamen geflogen, hilflos, ziellos. Die Flinksten konnten sie aufheben, die Geschädigten gehörten nicht dazu. Die Ärmsten gingen ohnehin leer aus, wie immer.

Von "Schuld" kann man nicht sprechen, eher von Dummheit. Sie haben ja gespendet, milliardenweise. Blind und blindlings. Von "Dieben" schon eher, bei denen, die die rausgeschmissenen Milliarden zuerst aufhoben. Und eben, übrig bleiben die Rechtschaffenen, und die Lebenskünstler. Wie immer.

Ich bin auch einer. Ich schrieb seither meine Bücher, etwas anderes kann ich nicht mehr. So werde ich an der kommenden Leipziger Buchmese ein paar Lesungen halten, und habe natürlich die Internet-Seite der Buchmesse studiert. Dabei habe ich ermutigt festgestellt, dass am 15. März zwar Japans Erdbebenopfer gedacht wird. Natürlich bedürfen die Opfer der Naturkatastrophe unseres Mitgefühls. Aber was mich betrübt, ist die rasche Vergesslichkeit der Welt. Von Haïti spricht niemand mehr.

Und in den Trümmern von Haïti beginnen sich nach dem unendlichen Schock die ersten Lebenskünstler zu regen. Die einheimischen Lebenskünstler natürlich, denn die ausländischen Gutmenschen hocken zu tausenden in den gemieteten Büroblöcken, die für sie aufgestellt wurden, und staunen hilflos in die Trümmer hinaus. Und beraten kaffeeschlürfend, wie man da helfen könnte. Und die Leute von der Regierung, die es noch gar nicht gibt, scheinen noch hilfloser. Die rasen in endlosen Autokolonnen mit Fahnen, Gehupe und Brimborium in den Städten umher und feiern die Befahrbarkeit einiger geöffneter Strassen.

Auch ich "helfe" den Müttern und Kindern hier im Quartier, ohne Mittel wieder eine "Schule" zu gründen, aber ein Offizieller (auch ein Ausländer natürlich) schrieb mir, ich solle mich gescheiter um den Aufbau der Lehrerseminare kümmern, die einmal rechte Schulen ermöglichen werden. Von den indessen sterbenden Kindern sprach er nicht, das nimmt man in Kauf. Und von den genannten Seminaren bestanden immerhin bereits die Fundamente, die bereits von ausländischen Fronarbeitern erstellt wurden. Wenn nach Jahren die Bauarbeiten fertig sind, folgt die Lehrer-Ausbildung, die dauert nochmals ihre Jahre. Ich finde den Bedarf an Seminaren zwar äusserst dringlich, aber bis die funktionsfähig sind, ist eine weitere Generation ungeschulter Kinder aufgewachsen und ins Verbrechen abgerutscht, wenn sie überhaupt überleben konnten.

Mütter und Kinder wollen Soforthilfe. Die MEVA überlebte zuerst in der Nachbarrepublik, und jetzt in einem geliehenen Provisorium, die Schule ist noch im Wiederaufbau. Die Kinder basteln allerhand Kleinigkeiten, und suchen die zu verkaufen. So lernen sie, dass man auch in Haïti nicht alles geschenkt bekommt. Aber auch Erwachsene, die Geld zum Kaufen haben, sind hier selten gesät. Zum Glück hat die Haiti Care einen deutschen Spenderverein im Rücken, den ich aufs wärmste empfehlen kann. Kein Euro rutschte hier je in die falsche Tasche, und alle Reisen und Kosten von Funktionären wurden stets privat bezahlt. Spendenformulare und weiteres sind unter beiliegendem Link zu finden.

Ich brauche auch Spendervereine, für unsere Projekte. In der Scjhweiz, in Deutschland, in Österreich. Sie sind in Gründung. Aber das dauert, und die Hilfe kann nicht warten. Auch eine dringende Spendenadresse finden Sie unter Schule Soleil sur Montagnes Noires. 50 Kinder warten hier, bis im Quartier ein bescheidenes Provisorium "schulfähig" ist, eine notdürftige Schule besteht. Ich möchte ihnen helfen und gehöre nicht zu denen, die warten, bis die ihren Kaffee fertig gertrunken haben und sich einig sind, was zu tun ist. Bitte unterstützen Sie uns dabei. Danke!

Mein Erstling
Meine Bücher
Meine Kolumnen


Regional picture catalogue/Katalog vorhandener Fotogalerienimage map with picture regions/Anclickkarte mit Aufnahmeregionenlocal arms of the area/Gemeindewappen der Regionandere Artikel von Otto Hegnauer

Leserreaktionen
( Bildecke oben links anklicken )