Kolumnen von Otto Hegnauer


Märchen aus der Vaudou-Trommel

Vom Schmunzeln bis Schluckauf, Leseprobe

ISBN 978-3-86279-077-7 Wagner-Verlag Gelnhausen 2011

von Otto Hegnauer
(23. Dez. 2012)

Buchdeckel

Wenn die Trommeln singen

Es herrscht wieder eine jener faszinierenden Januarnächte, wie sie mich nach jedem Neujahr staunen und schaudern machen. Die Trommeln der Houngans (Zauberer & Priester) plaudern ihre Märchen, eines nach dem andern. Wir verstehen die Märchen nur halb. Aber ich begreife, weshalb Besessene an Vaudou-Ritualen in Trance und Ekstase fallen. Hinter der Bergburg, wie ich mein Zufluchtquartier seit dem Goudou-goudou (Erdbeben) nenne, wohnen zwei Houngans und 400 Götter. Ihre einfachen Einraumhäuser unter Wellblechdächern sind zugleich Peristyle, Kult- und Opferstätten, wo sich die Gläubigen nachts hineindrängen und den Klängen lauschen. Meistens ist kein Strom. Aber Trommeln ist immer, bei den Houngans, meinen Nachbarn. Schon etwa um acht Uhr beginnen sie zu singen, eine grosse und eine kleine Handtrommel. Sie erzählen von haïtischen Legenden und Märchen, die ich aufzuschreiben versuche. Die Sprache der Trommeln erweckt so viel Fantasie, dass man sie versteht ohne zu verstehen. Die Trommeln, zuerst knattern sie nur, sie wecken mich sogar aus dem Schlaf. Ich bin hellwach. Nein, sie stören mich nicht. Sie klingen in die Nacht, und im Herzen klingen sie nach. Sie singen und strudeln, flüstern und fließen, knistern und klatschen, peitschen und pochen, regnen und rumoren, wimmern und wirbeln, die ganze Nacht. Sprache und Musik zugleich! Ich möchte dieser noch viele Nächte zuhören, dem rhythmischen und tonalen Schlagen, Zupfen und Reiben, den wohl ältesten Musikinstrumenten der Menschheit. Von jenseits der Schlucht hallt eine Konkurrenz. Wieder ein Märchen, oder eine Beschwerde dass der längst versprochene Entscheid der Wahlbehörde immer noch nicht stattgefunden hat? Oder die Verhimmelung eines Loa, einer Vaudou-Gottheit? Niemand weiss es. Es ist einfach Sprache, Musik, wahrgewordenes Märchen. Ich ergebe mich nicht der Ekstase, aber dem Hörrausch der haïtianischen Vaudou-Handtrommeln, die von Volksvirtuosen gerieben, gestreichelt oder gekitzelt und mit den unterschiedlichsten Anschlagtechniken und Spezialeffekten zum Leben erweckt werden, und lausche ihren Märchen. Am nächsten Morgen suche ich im Internet nach Informationen über diese Musik und finde sie, wie üblich, millionenweise. Das schlägt das schöne Gefühl fast tot. Es beginnt schon beim Namen für diese Instrumente, «Membranophon». Wer da nicht Schluckauf bekommt, muss wirklich ein Blanc (ein Weisser) sein. Ich lese weiter, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch in Kuba die Arawak-Indianer oder Ara- oder Sarawaken gelebt hätten, ganz gleich wie hier, und dass diese in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter spanische "Kontrolle" geraten seien, wie hier unter französische. Für den Zuckerrohranbau hätten sich die spanischen Pflanzer im 17. und 18. Jahrhundert tausende afrikanischer Sklaven "gekauft", und beim Aufstand gegen die französische Kolonialmacht ab 1791 seien viele schwarze Landarbeiter von Haïti auf die Nachbarinsel Kuba geflüchtet. So seien ihre Trommelrhythmen mit den dazugehörigen Bräuchen, Gesängen und Tänzen nach Kuba gekommen und hätten sich dort mit der Gitarrenmusik der spanischen Farmer vermischt. Ich beschränke mich lieber auf das Original-Erlebnis, die Trommler hinter der Bergburg und ihre Märchen. Hat die Trommel etwas Mystisches? – Die Trommel fibriert Weisheit. Die Weisheit der Welt. Die Welt fibriert auch. Wenn es bebnet, fibriert die Natur, die Erde. Alles fibriert. Das ist zwar Formuliertes, Gedachtes. Was wir denken, ist wunderbar, und gleichzeitig schäbig. Denn es ist noch lange nicht getrommelt, oder gespürt. Und Fibrieren muss man spüren. Nein, es ist nicht mystisch. Es ist einfach schön. Wie die Märchen. Aufstieg ins All «Setz dich auf meinen Nacken und umklammere ihn, so fest du kannst». Fab tut wie geheissen. «Dann umarme meinen Hals mit all deiner Kraft, ich fliege schnell» sagt Marielle das geflügelte Einhorn, dann geht es ab. Im Tiefflug über die Berge zum Atlantischen Ozean, und hinaus in die Mitte des Bermuda-Dreiecks. Marielle trägt ihn zum Weltraumbahnhof. Eine herrenlose Taucherglocke schwimmt obenauf, wie früher die verlassenen Schiffe. Marielle bedeutet Fab abzusteigen und öffnet auf unerklärliche Weise eine Tür, sie treten ein, und wie in einem Lift geht's rasend in die Tiefsee hinunter, abwärts, abwärts, bis an den Grund. Das dauert. Fabulus ist zum Glück unsterblich. Und unter Wasser leben kann er auch, im Tauchlift atmet man überdies noch Luft. Nach Stunden sind sie angekommen, bei der Unterwasser-Residenz der Ausserirdischen. Wieder öffnet sich eine riesige Panzertür, zu einer Schleuse, und nochmals; die beiden treten ein. Lauter Ausserirdische krabbeln hier umher. In Weltraumanzügen, mit riesigen Helmen. Die Wesen sind freundlich, aber stumm, auf jeden Fall äusserst wortkarg. Sie unterhalten sich mit Zeichen, nonverbal. Stumm strecken sie Fab einen Helm entgegen. Es ist halb Tiefseetaucher-, halb Astronauten-, kurz ein Zauber-Kombihelm. Fabu stülpt ihn über. Unterhalten kann man sich nur noch über eingebaute Mikrophone und Kopfhörer; begreiflich, dass die das lieber bleiben lassen. Dann wird ihm eine Art Astronautenanzug angeboten. Er schlüpft hinein und verschwindet. Auch Arielle ist verschwunden, zurück in den Zauberlift und wohl an den Azüey-See in Haïti, wo Sindie immer noch wartet, jetzt allein. Nach Tagen schieben die Ausserirdischen endlich eine Rakete in die 10 Kilometer lange Startrampe hinaus. Sie wollen aufsteigen zu einem Flug ins All. Das Wasser in dem Schlot hat sich zu einer Gaswolke verwandelt. unzählige Bläschen wie in einer geschüttelten Sprudelflasche steigen, auf. Die kleveren Ausserirdischen nutzen diesen Zustand, um die Triebwerke ihrer Startrakete zu zünden, und praktisch ohne Widerstand erhebt sie sich zuerst langsam in die Höhe. Die Geschwindigkeit nimmt aber explosiv zu, und als sie die Wasseroberfläche und die Erde verlässt, hat sie bereits Lichtgeschwindigkeit. Das Raumschiff ist für Jahre versorgt, Nahrung und Wasser sind für tausende von Tagen verstaut, Treibstoff und Strom werden selber generiert, die Steuerung folgt von einem fernen Kontrollzentrum im Weltall aus, nichts kann mehr passieren. Schliesslich saust der Flitzer im Elektronentempo, was mehrfacher Lichtgeschwindigkeit entspricht, an den Sternen vorbei, hinaus in unbekannte Fernen. Mond und Erde sind schon längst aus den Sinnen entschwunden, die Planeten werden Vergangenheit. Die Welt knospet auf – und dabei sagte man doch, sie sei untergegangen. Wo hört denn Welt auf, wie weit muss ein Weltuntergang reichen, bis er als solcher gilt? Fabulus beginnt sich immer mehr Fragen zu stellen, wenn er aus der kleinen, runden Luke schaut und feststellt, dass immer mehr Milchstrassen- und Linsensysteme auftauchen und vorbeiziehen. Wohin sie nur treiben mögen? Ihr Ziel ist ihr Stern, von dem sie geleitet werden. Suche nach dem Himmel Am 12. Januar 2010 war Gott im Himmel, statt auf der Erde. Wäre er dort gewesen, hätte er das nicht zugelassen, was den ärmsten Menschen der Hemisphäre geschah. – Andere behaupten zwar, gerade an diesem Tag sei er in Haïti und hier gewesen, denn er hätte ihr Leben bewahrt – sie wissen nicht warum. Dezennien später wollte ihn Fab im Himmel suchen und selber fragen. Dabei verlor er das Gedächtnis. Sie flitzten zwischen Göttern und Planeten umher. «Dem Christengott, oder den Loa des Vaudou? » – .– …–.«Keine Antwort. Er hat das Mikrophon nicht eingeschaltet. Oder den Lautsprecher, oder beides. » Fabulus glaubt, das komme schliesslich nicht drauf an. Die vielen Götter wären alle derselbe, es gäbe nur den einen. Hier in den Fernen, und auf der Erde. Aber sie hätten mehr Namen, als es Sprachen gäbe. Wahrscheinlich sind sie irgendwann einmal angekommen, auf ihrem Zielstern. Die Ausserirdischen mit ihrem Gast. Sie wissen nichts mehr, das Gedächtnis ist ihnen abhanden gekommen. Wohl absichtlich ausgeschaltet. Punkt ein Jahr später kam Fab zurück auf die Erde. Er war also genau 1 Jahr älter. Die Erde aber 1000 Jahre. Fabulus wird wieder Mensch Die Küste von Barahona hat sich mit der von Port-au-Prince, der Prinzenstadt, vereinigt. Die Spalte im Azüey-See hat sich verbreitert und so viel Wasser ausgespuckt, dass all die Seen zum neuen Meer zusammengeflossen sind. Auch Sindie konnte ihrem tausendjährigen Gefängnis entrinnen und fand ihre Freundinnen wieder, die andern Sirenen im Golf von Barahona und die Ausserirdischen im Bermuda-Dreieck. Aber Sindie sucht wieder Fabulus, die beiden sind jetzt gute Freunde. Sie werden sich weiter suchen und helfen in dieser neuen Welt. Fabulus ist nochmals auferstanden als normalsterblicher Mensch, er findet sich allerdings in der neuen Welt nicht mehr recht zurecht. Und Sindie hat vergessen, ihm seine Unsterblichkeit zu nehmen, die er dank seiner haïtianischen Lebenskraft, Sindie und der Einhörner erlangt hat. Und da hier seit damals noch immer Einhörner leben, wurde der Küstenwald riesenwüchsig. Es stehen 10 Meter hohe Blumen und Gräser, wie am Ruwenzori. Die neuen Fische auch, denn es gibt wieder solche hier. Das Meer ist warm und ruhig. Auf dem Rücken der Seekühe reiten Menschen, von der Prinzenstadt bis Barahona. Haïti ist von der Hölle zum Paradies geworden. Fabulus versucht, sich in einem entwickelten Neuland allmählich zurecht zu finden und hat am Ufer des einstigen Azüey-Sees in einer Fischfabrik Arbeit und Brot gefunden, und die Menschen tragen besser Sorge zu ihren Gottesgütern als sie es früher taten. Er entdeckt auch eine junge Frau, die zu ihm passt, und wird wohl demnächst eine Familie gründen. Ob die gleiche Lebenskraft und Zufriedenheit wie früher wieder einkehrt, bleibt zu hoffen, allerdings werden die lustvollen Eskapaden wie mit Sindie nicht mehr zurückkehren. Dafür wird er bald eine Familie sein eigen nennen, und neue Freunde. Die Welt hat ausgeweint. Die Grenze am Blauen See gibt es nicht mehr, denn Grenzen braucht es keine mehr in dieser Welt. Die Schweiz hat in Europa überlebt, und Europa in dieser Welt. Die Farben der Menschen haben sich vermischt, die von Fabulus' Hosentupfen auch. Er trägt jetzt einfarbige Dinger, zur Zeit ist es Grün. Zum Schmunzeln braucht es keine Tupfen mehr. Und auch Fische und Krokodile sind neu entstanden, Seekühe und andere Tiere. Aber vor allem hat «Entwicklung » Einzug gehalten. Mit spärlicher Realisierung alter, überspannter Projekte. Und üppiger Auflage neuer, noch weniger realistischer. Oder noch spitzigerer überspitzter Fantasien. So die moderne Grossstadt Cité du Lac über der einstigen Azüey-Küste, «das grösste und ehrgeizigste Projekt, welches in Haïti je begonnen wurde », das haïtianische flächendeckende Eisenbahnnetz zusammen mit einem neuen amerikanischen Netz in Florida und einem submarinen Eisenbahntunnel von Miami nach Cap-Haïtien, wo ein haïti-nationales Autobahnnetz die zu erwartenden Millionen Bezinschleudern und Kohlenstoffdioxid-Giftspritzen aufnehmen würde, bis zur Drehgondelbahn von Milot zur Zitadelle hinauf. Wahrlich, Haïti ist ausgebrochen! Es gibt auch nadelspitze Herausforderungen in der neuen Welt. Diese ist auf Profit getrimmt, Natur und andere «Noprofitables » sind in Ecken, Reservate und Museen verdrängt. Die grösste Herausforderung für Fabulus ist es, sich in dieser Welt wieder zurechtzufinden. Die Meere des Sonnenaufgangs sind mit denen des Untergangs verschmolzen, und die neuen Siedler der Prinzenstadt können jetzt nach Barahona segeln, Menschen von früher gibt es keine mehr. Die meisten haben die Weltuntergänge nicht überlebt. Die Trommeln rauschen leise aus Die Nacht der Trommeln geht zu Ende, die Nacht der Märchen. Unsere Märchen auch. Die Wirklichkeit hellt am Horizont, tausend Hähne krähen und Hunde heulen in die erwachenden Schrecken. Eben hat der Nachtwächter seine urafrikanischen Gebete durchs Megaphon herausgejodelt und die Schläfer zum Aufwachen und Kirchgang gerufen. Auch die Besucher der Trommler gehen heim, was das auch immer heisst. Viele haben ja kein Heim mehr, seit dem 12. Januar, und wohnen in einem Zelt, oder unter aufgeknüpften Laken. Im Schlamm am Boden ist es ja auch weich, wenigstens wenn er noch nass ist. Sie stehen vor der Wellblechhütte des Houngan, dem Konzertsaal der Trommeln und Kultsaal ihrer Bewunderer, zusammen zu einem letzten Schwatz, eigentlich ein Geschnatter, zu laut für die Schläfer. Mich stört das nicht, Zuhören ist besser als Schlafen. Von innen tönen immer noch die Trommeln heraus, und rauschen leise aus. Mein nächstes Erlebnis heisst nun Bett. Auch ohne Rattan schläft sich gut ein, in einen neuen Tag hinein. Was der wieder bringen wird?

Da gehen die kleinen Kokorat (Strassenkinder; kreolisch kein Plural-s) nicht leer aus, für uns und andere Erdbebenopfer schreibe ich meine Bücher. Ihnen kommen sämtliche Einnahmen zugut. Wir sammeln auch Spenden für unsere kleine Schule und andere Opfer. Es bürgen

Prof. Dr. Angela Knauer, Dirk Knauer, Melissa Charles und Otto Hegnauer. Danke!

Mystal C.Melise Kto.1711038636 Sogebank Truitiers Haiti SWIFT SOGHHTPP

mit Sternen gepflastert

( siehe auch :
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Jahresbericht Hand in Hand 2011
Geigenkonzert Collège Suisse
Einladung Geigenkonzert Collège Suisse
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