Kolumnen von Otto Hegnauer


Und nochmals: Entwicklungshilfe

wie sie sein und werden sollte

von Otto Hegnauer
(10. Sept. 2012 [ergänzt])

in der Küstenebene

Für die die mich nicht kennen eine kurze Selbsteinführung (bei mehr Bedarf kann hier meine Autobiografie bestellt werden). Ich habe Geographie und Völkerkunde studiert und war etwa 80mal in Afrika, auch als Leiter von Lehrer-Studienreisen, verbrachte vor 30 Jahren zuerst meine Ferien in Haïti, heiratete eine Haïtianerin und baute mein Altersparadies mit Haus und allem was dazu gehört. Am 12. Januar 2010 verlor ich in 10 Sekunden alles, ausser Leben und Erinnerungen. Heute bin ich immer noch hier, schreibe meine Bücher und gründete mit Einheimischen eine Schule, alles für Strassenkinder. Ich bin also mindestens nicht ganz unbedarft.

Nachdem über Entwicklungshilfe so viel und so klug geschrieben wurde und ich selbst gemeckert habe (siehe Links unten), brennt es mich unter den Fingernägeln zu zeigen, wie Entwicklungshilfe nach meinem Gusto auszusehen hat.

Jedes lebende Wesen hat einen Lebenstrieb, und der strebt nach Entwicklung und Selbstverwirklichung. Wenigstens so lang man sich noch jung fühlt und es ergo auch ist. Das ist ein menschliches Problem und hat zunächst nichts mit Entwicklungshilfe zu tun. Aber Selbstverwirklichung und Egoismus sollten ihre Grenze finden. Diese Grenze heisst Anstand und bedarf einer freiwilligen Selbstkontrolle. Sie zeigt die Grenze der Selbstverwirklichung. Stattdessen wuchert "So viel wie möglich", der Egoismus wie ein Krebsgeschwür weiter und erstickt was an Anstand noch zum Vorschein kommt.

Zurück zu den Haïtis. Diese entwickeln sich selbst und ihrer viele sind zu stolz, um sich durch Gutmenschen helfen zu lassen, sie arbeiten lieber. Die andern halten die Hohlhand hin. Gutmenschen, die sich als Krone der Schöpfung fühlen und die andern als unentwickelte Dummköpfe betrachten. In Wahrheit sind die Gutmenschen die Dummköpfe, die den Unentwickelten das Theater abkaufen, das nur dazu gespielt wird, den Dummköpfen grosse Geldspritzen zu entlocken. Und die merken es nicht einmal, diese Dummköpfe.

Entwicklung meint, eine Treppenstufe höher zu steigen, eine Stufe, die ÜBER der letzten liegt. Steigeisen an die Schuhe binden heisst nicht hinauftragen. Das Zielniveau ist meist unrealistisch hoch angesiedelt. Die Vergleiche mit andern, die das erstrebte Niveau schon länger erreicht haben, hinken. Mit besser Ausgebildeten, mit Ausländern, die aus einem Land mit anderen Zahlungsusanzen stammen auch. Das Beurteilen der Qualifikation eines Konkurrenten ist ein heisses Eisen, selbst für erfahrene Personalchefs und Offiziere. Trotz aller Hilfsmittel.

Ich glaube an das Gute im Menschen, dazu gehört dass Mitarbeiter schon hoch motiviert SIND, sie müssen aber immer weiter motiviert werden, klar. Motivation kann sehr weit gehen und Wunder wirken, ZU weit. Während meiner Zeit als Abteilungsleiter im Konzern musste ich Leute bremsen, die immer arbeiten und nicht mehr aufhören wollten. Wohl verstanden, ohne materiellen Vorteil. Oder Damen, die "ohne zu stempeln" nachts weiter schufteten, was eigentlich verboten war, wegen Nachtarbeits-, Damenschutz- und anderer Gesetze die niemand verstand. Ganz ohne finanzielle Interessen, aus Spannung, Freude, Motivation.

Ohne finanzielle Interessen arbeiteten das erste Jahr lang auch unsere vier Lehrerinnen in der ESMONO, der Schule für Strassenkinder, denn sonst wäre die nie entstanden, und die ersten Spenden wären nie gekommen. Und alle anderen Leute auch, die putzten, täglich Wasser herbeischleppten, Weg und Treppe schaufelten, das Schulhaus gratis zur Verfügung stellten, die Lehrmittel malten und ganz viel mehr. Und das waren alles Einheimische von hier. Jetzt läuft die Schule, und ich hoffe der Funke zünde einen Flächenbrand. Wie in Die wilden Schulen aufgezeigt.

Es ist ebenso leicht wie leichtsinnig, mit Verschenken von Nötli zu motivieren, besonders in Haïti. Denn diese Art von "Motivation" ist nie nachhaltig, sie ruft nur nach mehr und immer mehr. Sie "entwickelt" zum Betteln und ist das pure Gegenteil von Entwicklungshilfe. Haïtis sind stolze, wertvolle Menschen, an die man glauben muss, wenn man sie "positiv entwickeln" will. Sie haben ZWEI Seelen. Sie sind stolz; die Sklaverei sitzt ihnen immer noch im Nacken. Und viele halten die Hohlhand hin, so kommt man am einfachsten zu viel Geld. Wie vor Jahren ein Präsident, der das vormachte und immer nur so abgebildet wurde. Die Hohlhand war sein Markenzeichen.

Es gibt bessere Motivationsfaktoren als Nötli, Lohnaufbesserungen und hohle Hände: Spass an der Tätigkeit, Spannung, das Gefühl, sinnvoll zu leben, Stolz, etwas Besonderes zu leisten oder zu er-leben, Vertrauen zu geniessen und Verantwortung zu äufnen, andern eine Einstellung oder Kenntnisse beizubringen, sozial zu helfen, Umgang mit etwas "Höherem" zu erlernen mit dem sich andere schwer tun, das Leben lebenswert zu machen, Mitspracherechte und Einladungen zu geniessen, geliebt, ernst und gleichwertig genommen werden. Spenden von Weiterbildungen und Spenden benötigter Werkzeuge sind sinnvoller als blosses Schenken von Nötli. Das alles "funzt" hier in Haïti so gut wie in Schlaraffenlanden oder wo auch immer. Die meisten hier sind ganz normale Menschen.

Haïtische Weiterbildungen sollen sich auf einfache, brauchbare Arbeitsleistungen beziehen, die Erosionsschutz, Fluss- und Wildbachverbauung, Wiederaufforstung, Urbarisierung, Bewässerung, Strassen-, Brücken-, Tiefbau und Ähnliches umfassen. Einfache Techniken sind zu vermitteln, um einheimische Produkte wie Biobrennstoffe und Nahrungsmittel für den Selbstgebrauch attraktiv, einige sogar exportfähig zu machen, auf die in- und ausländischen Märkte zu bringen. Schon der seinerzeit umstrittene Präsident René Préval hat mit seinem neu initiierten Projekt "Production Nationale", das heute noch weiterläuft, mitten ins Schwarze getroffen.

Zuallererst muss der Basisbedarf gesichert werden, genau nach der Bedürfnispyramide: zuunterst kommen die Existenzbedürfnisse. Sie sind Voraussetzung für die Lebenserhaltung. Dazu gehört das Gebot von Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Gesundheit. Zur Nahrung sind sauberes Wasser, Grundnahrungsmittel mit lebenswichtigen Stoffen wie Eiweiß, Kohlehydraten, Fetten, Vitaminen usf. sicherzustellen. Kleidung und Obdach gewähren Wärme und Trockenheit und ermöglichen den Schlaf, der wiederum mit Gesundheit erlaubt. Wieviel es für Wärme und Trockenheit braucht, ist allerdings interpretationsfähig. Allzuschnell gerät man hier ins Fahrwasser des Renommierens.

Dasselbe gilt für die Grundbedürfnisse wie reine bis "wohlriechende" Luft, Rituale und Religion, soziale Beziehungen und Ausbildung. Die Haïtianer haben die längst selber in die Hand genommen - wenigstens bei uns in und um Lakou-mango. Das ist am besten. Man muss das Positive bemerken, nicht nur meckern. Wenigstens hier haben die Leute alles selber geleistet, Hilfe von irgendeiner Organisation oder gar Regierung hat es noch nie gegeben. Natürlich hoffen alle, dass das endlich ändert. Wenn nicht, dann helfen wir uns weiterhin selbst, so gut es eben geht. Und dabei könnte mit so wenig Geld so viel geändert werden ... An andern Orten mag es anders sein, ich glaube nicht.

Bildung bezieht sich bei uns "Entwickelten" zu sehr auf den Kopf und vergisst dabei, dass Hand und Herz dazu gehören. Die Gefühle sind aus der rechten Hirnkammer längst ausgebrochen und in den Bauch, unter die Brust und anderswohin gerutscht und haben sich dort eingenistet. Das bedeutet, dreierlei zu entwickeln:

1. Grundgefühle

Spass, Spannung, Freude, Gemüt, Motivation - Musik aus dem Lautsprecher oder noch besser selbst gemacht. Mit Handorgeln und Muschelhörnern, Blockflöten und Pfannendeckeln, ganz egal. Zauber kann auch aus Fernsehröhre oder Fussballfeld kommen. Witzeerzähler, Possenreisser, religiöse Demagogen, Volks- oder Puppentheater - Kreischen und Beten, Singen und Taktklatschen, Tanzen und Hüpfen - sie alle reissen mit, das lässt sich am Ausdrucksverhalten beobachten . "Be-Geisterung" heisst doch, Geister aufzuwecken.

2. Grundfertigkeiten

Zuerst wird das Sprechen und sich Verstehen in der Muttersprache erwartet. Fremdsprachkenntnisse (hier französisch, spanisch, englisch) sind immer nützlich, oft unabdingbar. Lesen und Nacherzählen in anderen Worten kommt noch VOR dem Schreiben, dann sollten auch einige Grundrechenarten beherrscht werden. Sie helfen bei der Kenntnis des komplizierten Währungssystems. Und der Wirtschafts- und Exportförderung der Spenderländer ... .

Der Gebrauch der wichtigsten Werkzeuge muss nicht nur vorgezeigt, sondern auch geübt, geübt und immer wieder geübt werden. Hilfsmittel zum Leben und Überleben werden überlassen und aus der Ferne weiter begleitet und "kontrolliert", das ist ganz wichtig. Diese "Systempflege" wird leider meist rasch vergessen und führt zu Rost und Frust, und alles war umsonst.

Ganz ähnlich wie ich selbst, wenn ich keine verständlichen und aktuellen Informationsquellen mehr habe und nach einiger Zeit des Vergessens eine Excel-Tabelle nicht einmal mehr ausfüllen kann und "Antworten" bekomme, die ich nicht verstehe.

3. Grundwissen

Vergessen wir ruhig, was wir von den gelehrten Köpfen gelernt haben. Die meisten haben so wenig Ahnung von Haïti wie von den Problemen. Was ich jedenfalls in Mittel- und Hochschule über Haïti gelernt habe, hat allenfalls einen Schmunzeleffekt ausgelöst; der ist zwar auch positiv, aber ungewollt. Beantworten wir doch einfach die Fragen die kommen, oder versuchen wir es. Sie kommen von selbst. Und sie zeigen uns, welches das Grundwissen ist, das gebraucht wird und fehlt!

Ganz Generell:

Aus Sklavenerfahrung behauptet sich in ihrem Wesen eine extreme Empfindlichkeit. Die Abhängigkeit von den rassistischen Besserwissern hat dies nur verstärkt, und als Gipfel kommt jetzt noch die Drangsalierung durch die fremdsprachigen aber gebildeten Rückkehrer und Klugscheisser aus der Diaspora hinzu. Da bleibt den armen, nahrungs-, ausbildungs- und arbeitshungrigen Abhängigen nur noch die totale Resignation, Lüge und Verstellung, sie wollen ja überleben.

Das Fazit:

Die fremden Zwangsmasken des Westonkels und des Weltgesichts sind zu vergessen und nichts ist aufzudrängen, ja nicht. Das Haschen nach eigener Entwicklung ist stark genug und zu unterstützen, der Gebrauch der Werkzeuge zu zeigen, und ihnen allenfalls zuletzt den Hammer, die Schaufel oder die Kelle zu überlassen und die Langfristbegleitung nicht zu vergessen. Gefragt sind Spass, Freude und sichtbare Erfolge. Und nochmals: nicht nur die der Wirtschafts- und Exportförderung der Spenderländer! Und nochmals: Freude und Spass, nicht Millionäre über Nacht! Nicht Millionen von Dollars, sondern Millionen von Menschen sind zu entwickeln. Und Millionen, die noch in keine Schule gehn.

Entwickler sollen Sprache und Kultur kennen, Bücher lesen, so lang als möglich bleiben - es wird IMMER zu kurz sein! MEINE Anwesenheit im Land beträgt nun 25 Jahre; ich sehe immer mehr, dass das nie reicht. Toleranz und Geduld sind, bis zur Selbstaufgabe gefragt. Und die "Krone der Schöpfung" auf Wanderschaft schicken. Mit dem Brandmal "Leihgabe der Entwickelten".

Trotzdem bitten wir um Spenden für die Schule für Kokorat (Strassenkinder). Denn ganz ohne Geld da geht es nicht lang. Die sollen AUCH einmal LESEN können. Schon Bookman zeigte, der Geist des LESEN KÖNNENS und der des FREI SEINS genügte, weltweit die "Sklavenbefreiung" auszulösen.

Mystal C.Melise Kto.1711038636 Sogebank Truitiers Haiti SWIFT SOGHHTPP

Hegnauermarken

mit Sternen gepflastert

( siehe auch :
(sämtliche Artikel sind aus tech.Gr. vorausdatiert, können hier aber schon gelesen werden:)
(Die Reihe wird fortgesetzt)
Klein aber fein 14 - Andere Energien müssen her!. Réchaud Eko Ayiti & "Nachhaltigkeit"
Klein aber fein 13 - Waldgärten. Hoffnung für ein geschundenes Land
Klein aber fein 12 - Nach den Clowns kamen die Tränen
Klein aber fein 11 - Wenn nur wieder Wald wuchern würde! Sie feiern den Tag der Arbeit
Klein aber fein 10 - Aus Strassenkindern werden Erwachsene
Klein aber fein 9 - ESMONO die Gratisschule
Klein aber fein 8 - Wenn Bienen in die Schule gehn. Bienenschule Petit Goâve
Klein aber fein 7 - Banken in Wellblech
Klein aber fein 6 - Die Montessori-Schule MEVA
Klein aber fein 5 - Hand-in-Hand. Analphabeten sind manchmal grosse Chemiker
Klein aber fein 4 - Association Nationale d'Aide aux Enfants Démunis (ANAED). (Die wilden Schulen)
Klein aber fein 3 - Schweizer Schule/Collège Suisse Jacmel
Klein aber fein 2 - SOS Enfants Haïti
Klein aber fein 1 - So war es 2008 - es könnte heute sein ...
Klein aber fein 0 - Klein aber Fein - eine Reihe über erfolgreiche Hilfsprojekte in Haïti
Zum Teufel mit der Entwicklungshilfe. Das postuliert Dambisa Moyo, mit der ich trotz Millionenerfolgen NICHT einverstanden bin
Besuch bei Goethe in der Weimarer Gruft, 2.Fassung, m.Hinweis auf Entwicklungshilfe
Zum Teufel mit der Entwicklungshilfe. Das postuliert Dambisa Moyo, mit der ich trotz Millionenerfolgen NICHT einverstanden bin
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