Kolumnen von Otto Hegnauer


Das Lakou-System ist lokal und eingefleischt,

mehr als eine Denkweise und Lebensregel

von Otto Hegnauer
(25. Okt. 2012)

Lakou, ein Selbsthilfe-System

Haïti ist eine kleine Tropeninsel die zuerst von den Indianern beackert und besiedelt und dann von den Eroberern und Profiteuren bestohlen und der übrigen, auch weissen Welt durch ein Schreckensbeben bekannt wurde. Der Welt, in der man erst durch Schrecken und Katastrophen bekannt wird.

Regierung, Ausgebildete, Weltgesicht wollen der afrikanischen Indianerinsel ein neues Gesicht aufzwingen. Dass das nie gut kommt, habe ich schon als Student in einem nordafrikanischen, damals kommunistischen Staat erlebt. Der wollte die Beduinen sesshaft machen, indem er ihnen Wohnblocks baute. Um sie zähl-, registrierbar und zu Steuerzahlern zu machen. Als die ihre Hühner, Ziegen und Schweine auf die Stockwerke brachten, sah der Staat seinen Irrtum ein.

Nicht nur die Indianer, sondern vor allem die hieher verschleppten Afrikaner hinterliessen Eigenheiten und Denkarten, Anschauungen und Lebensformen, die mitnichten unserer Trimmung entsprechen, aber nicht unbedingt schlechter sind. Sie haben sich auf der Insel natürlich entwickelt, sind also den HIESIGEN Umständen angepasst - auch wenn es leider Querulanten und Profiteure gab und gibt wie anderswo.

Ich denke nicht nur an den Vaudouismus, das Einzige, was Haïti in der Welt interessant und bekannt macht. Vermeintliche Religion, die auch Lebensweise und Moral, Philosophie und Denkweise, Sinnliches und Übersinnliches betrifft, und dass hier LOA einen Gott und bei den einstigen Besatzern das gleich ausgesprochene LOI ein Gesetz bezeichnet, ist nur ein lustiger Zufall.

Ich denke diesmal an eine andere, uralte Ordnung, die sich hier gebildet hat und in vielen Einheimischen immer noch ein bisschen lebt: das Lakou-System. Es veredelte sich von einem geografisch-räumlichen Begriff zu einem sozialen, politischen, zu mehr als einer Denkweise und Lebensregel. ICH lebe bekanntlich in und im Lakou-mango.

Ganz unten da ist ein bisschen Platz, der Lakou-mango, der Platz unter dem Mangobaum. "Lakou" (le cou = frz. der Hals) ist ein kleiner, flacher Platz, auf dem sich das Leben abspielt, das hier fast nur noch aus Palaver und Fussball besteht. Macht nichts, es zeigt dass man immer noch lebt, wovon, wozu, wie lang, ist eine andere Frage. Der "Platz" ist nicht nur räumlich gemeint, sondern auch als Lebensplatz. Gemeint ist die hier ansässige Lebensgemeinschaft schlechthin, die auch "Lakou" heisst.

Das Lakou-System ist ein matriarchalisches Selbsthilfe- und Lebenssystem, die Lebens- und Familiengemeinschaft wird zu einer Erfahrungsgruppe. "Fam se poto mitan", die Frau ist der Mittelpunnkt, sagen die Haïtianer. Im "Lakou" werden besondere Probleme gelöst und wird gegenseitige Hilfe gewährt, bei Alter, Krankheit, Hunger oder Verwaisung. Waisenhäuser braucht es nicht, man ist sich das Teilen schon gewohnt, auch der Kinder. Auch der Ursprung unserer ESMONO (Ecole Soleil sur les Montagnes Noires) geht auf solche Gepflogenheiten zurück, denn es waren die Mütter der Strassenkinder, die eine Schule wollten und die kleinen Schützen auch das ABC lehrten. Du erinnerst dich, dass im ersten Schuljahr alle ohne Bezahlung fronten." (aus ESMONO-News 3B)

Vielleicht hat auch die Übervölkerung damit zu tun. Denn das Einzige, was ich im Armenhaus der (mindestens westlichen) Welt nicht ganz verstehe, ist warum jede Frau, möglichst schon bevor es recht geht und so lange es geht, Kinder produziert. Die vielen Kinder waren im natürlichen System ein Reichtum. Noch heute tragen sie Wasser hoch, gehen ins Tal zum Posten, putzen, kochen, machen den Haushalt. In schlechteren Verhältnissen bringen sie auch Geld. Die Erziehung erledigte sich gemeinsam in der Gruppe, die Älteren hatten das intus. Sie waren auch die Lösung für Alte und Kranke, staatliche Lösungen gibt es ja nicht. Auch in der Nachbarschaft wird sehr häufig geteilt, Essen aber auch Arbeit.

Du erinnerst dich an die alte Unbekannte in der Geschichte Hoax oder Hexe die vor unserem Haus aufgegriffen, zur Talkirche transportiert und mit Lebensmitteln dort deponiert wurde. Die allmähliche Aufnahme in ein Lakou hängt mit (Gross-)familie und Verwandtschaft, Freundschaft und Vertrauen zusammen.

Vom Lakou-System bis zur Xenophobie ist ein weiter Weg. Dem System liegt der Grundsatz der Zusammengehörigkeit und des Teilens zugrunde. Teilen ist ein moralisches Gebot, persönliches Eigentum ist im Grunde verpönt, mindestens dessen Äufnung, die hier rundum wie anderswo natürlich übertrieben wird. In Wirklichkeit geben die Reichen meist gar nichts, sie sprechen nur davon und lügen das Blaue vom Himmel herunter, deshalb sind hier wohl die "Schwarzen Berge" ...

Wie wirkungsvoll ein alteingefleischtes System durch eine "moderne" Regierung ersetzt werden kann, das zu beurteilen muss ich den Alleswissern und Meckerern überlassen. Ich schildere meine eigenen Gedanken nach meinen über 20 Haïti-Jahren, die wohl nicht immer den Eindrücken von Wissenschaftern, Journalisten und Angehörigen bestimmter Schichten entsprechen.

(siehe auch:
Lesefutter [mit Buchbesprechung]
Meine übrigen Kolumnen )

Wir bitten um Spenden für die Schule für Kokorat (Strassenkinder). Damit die auch LESEN, und vielleicht sogar SCHREIBEN lernen.

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