Kolumnen von Otto Hegnauer


Schule und Nationalismus

Kolumne zum Fahnentag (jou drapo a)

Otto Hegnauer

(18. Mai 2013)

Täglich wird die Fahne gehisst

Heute ist Fahnentag. Und Nationalfeiertag. Schulfrei, Fest und historische Umzüge im ganzen Land. Und inbrünstige, ellenlange Sprüche, auch hier. Da wird getanzt, geklatscht und gelacht, dass es eine Freude ist. Geknallt wird nicht, das tut es jede Nacht genug. Auch über andere Völker gelästert wird nicht, Lästern nützt ja nichts. Über Völker, die die Schwarzen zum unbezahlt Arbeiten herverschleppt hatten. Einzig das unbezahlt Arbeiten, das ist ihnen geblieben. Oft auch für andere Völker.

Am 18. Mai ZEIGT man seine Gefühle, verbirgt sie nicht wie die Blancs es tun. Zur Beruhigung zu dämlicher Damen: ich meine "man" mit einem "N" geschrieben, nicht mit zwei. Die Kids wollten den Blanc zum "jou drapo a" überraschen, und das haben sie geschafft. Fast wären mir die Tränen ausser Kontrolle geraten: sie haben für mich und meine Leser den FAHNENTANZ geschaffen, den "Dans drapo a".

Danse de drapeau--leer-- Dans drapo a--leer-- Fahnentanz--leer--Dans drapo a--leer--

Die Indianerbemalung macht auch vor mir nicht Halt

Offenbar haben die Kokorat ihre Angst vor dem Blanc verloren, haben mich in ihren Kreis aufgenommen. Wie die Erwachsenen im Quartier. Sie haben gemerkt dass ich keiner bin, vor dem man davonspringen und sich verstecken muss. Wenn du diese Kinder singen und schreien hörst, kannst du gar nicht glauben, dass das Strassenkinder sind, die teils lieber in der Schule bleiben würden, als den Heimweg anzutreten. Jedenfalls sind die Kinder in solchen Augenblicken glücklich, und das Weinen ist selten geworden.

Ich komme zur Kasse ...

Aus Papierschnipseln wird etwas zusammen gebastelt, bei vielen fehlen die Kanonen in der Mitte, das ist wohl nicht bewusst. Es muss ja auch nicht immer alles hinterfragt werden. Auch das weisse Mittelfeld fehlt oft, bestimmt denkt da keiner an das diebische Frankreich, das man gemäss vielen Autoren sich durch das Weglassen des weissen Feldes vom Hals halten wolle. Schon ist der Vormittag vorbei, so rasch, dass ich gar nicht merkte, dass ich ja die Klassen in den andern Zimmern vergessen hatte, und bei der erstbesten hängen geblieben war. Die Kinder kreischen und stampfen um die Wette, wie du dir das gar nicht vorstellen kannst. Und jedes schwingt sein selbst gebasteltes Banner durch die Luft. Wem gelingt die schönste Fahne?

Es wird getanzt, geklatscht und getobt

Nationalismus in der Schule ist in andern Ländern und in meinen Augen ein "Geschwür", Marotte und Hauptübel fast aller Schulen unserer Welt. Ich sage "fast", denn bei den haïtischen möchte ich ein Auge zudrücken. Weniger in Bezug auf "Marotte" als auf "Hauptübel". Nationalismus ist "Motivation fürs Vaterland", selbst wenn dieses aus Trümmern und Nullen besteht. Nationalismus verhilft wenigstens zu einem Stolz auf die Vergangenheit, auf die ehemalige "Perle der Antillen", oder die reiche Geschichte der gebeutelten Nation.

Es beginnt bei den Lehrplänen mit Bevorzugung der Geschichtsfächer. Nationalhelden werden vergöttert und "Götter" verlogen oder verleugnet. In gewissen asiatischen Staaten soll für Gotteslästerung sogar die Todesstrafe wieder eingeführt werden ... Schulen und Kirchen sind Nährböden von Greuel und Dummheit. Zu Gunsten des Staates. Kapitalverbrechen und Werte werden manipuliert und zu "Heldentaten" umgestülpt.

Die Landesflagge ist halt alt und martialisch, wie meistens

Über einem Streifen Blau für das afrikanische Erbe liegt ein Streifen Rot für den Unabhängigkeitskampf und das dabei vergossene Blut. In der Mitte ein grüner Rasen mit Palme, Waffen, zwei Ankern und sechs Nationalflaggen. Im Vordergrund ein weißes Schriftband mit dem Motto "L'Union fait la Force" ("Einigkeit macht stark"). Die Flagge entstand im Unabhängigkeitskrieg gegen den Kolonialherren Frankreich im Jahre 1803. Liechtenstein hatte eine ähnliche Flagge. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin ereigneten sich Verwechslungen. In der Folge fügte Liechtenstein einen goldenen Fürstenhut ein.

Ich glaube, in so armen Ländern wie Haïti darfst und musst du ein Auge zudrücken, vielleicht sogar beide. Der gegenwärtige Präsident mag als altmodisch und träumerisch wirken, wenn er mit "Entwicklung" Zerschlagung alter Traditionen und Werte, Vernichtung von Landschaft und Landwirtschaft, Errichtung unbezahlbarer Wohnungen, ambitiöser Grossbauten und Industrieprojekte oder sogar die Wiedereinführung einer Armee meint. Immerhin ist er der erste von 68 Staatsoberhäuptern der das Land befriedet, "Ruhe und Ornung" herbeigebracht, dem täglichen Morden und Kravallieren ein Ende gesetzt hat.

Ich sage es nicht zum erstenmal: der Keim aller Werke ist Motivation. Die besten Motivatoren sind Geistliche, Sänger und Fussballer. In Haïti brüllt, schreit, klatscht und tanzt man in den Kirchen, man ZEIGT die Gefühle. Hauptsache ist ganz wörtlich "Be-geisterung". Der erste gewählte Präsident des Landes namens Aristide hatte mit religiös gekonnter Motivation im Nu "demokratische" Mehrheit geschaffen, wusste leider "nur" mit dem Machtgewinn nicht umzugehen. Und der jetzige Machthaber hat die Motivation mit der Musik geschaffen. Er war ein berühmter Sänger. Auch Fussballstars hätten wohl Chance in der neumodischen "Demokratie". Die Frage ist stets: wie schafft man Motivation?

Jedenfalls breche ich nicht in Gemecker aus, das wäre DE-motivation, wenn Lehrerinnen und Kids in Schul- oder Freizeit voll Inbrunst Schlachten und Heldentaten besingen, sie denken ja ohnehin nicht was sie da singen., Freitage wie "Jou du Drapo" (Tag der Fahne) feiern, auch wenn mir der "Tag des Baumes" lieber ist. Aber jedes Aufleuchten in den Augen der Waisen und Kokorat wirgt doch das Negative auf und ist doch mehr als Gold wert!

Auch Adidas macht uns zum Fahnenträger, denn auf den Uniformen steht "Adidas", die T-Shirts waren ja gestiftet, und zwar von irgend jemand anderem als da drauf steht. Was auf einem T-Shirt aufgedruckt ist, ist noch kein Grund zu falschen Schlüssen. Besonders wenn die Träger noch nicht lesen können und nicht einmal T-Shirts haben. Auch bei uns werden Kleidungsstücke jeder Art zur Verbreitung irgendwelcher Namen oder Botschaften genutzt. Die werden von den Trägern auch nicht gelesen, geschweige denn bewusst gemacht. Viele Sponsoren verbinden mit ihren Geschenken eben die Hoffnung auf einen Nutzen. Das ist nicht "Sand in die Augen" gestreut.

Andernorts hat Nationalismus in der Schule mit zu Rassismus, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Weltkrieg, Völkerhass und sogar Völkermord geführt. Lass mich Wikipedia zitieren: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit (englisch crime against humanity, französisch crime contre l’humanité) ist ein Straftatbestand im Völkerstrafrecht, der zum ersten Mal 1945 im Londoner Statut des für den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes geschaffenen Internationalen Militärgerichtshofs als Tatbestand vertraglich festgelegt und seitdem auch in nationale Strafgesetzbücher aufgenommen wurde."

Nationalismus ist ein Mittel zur Motivation. "Motivation fürs Vaterland, selbst wenn dieses aus Trümmern und Nullen besteht". Aber das Be-Geisterung ermöglicht. Und die positiven Kräfte in den Menschen stärkt. Wenigstens nach meiner Überzeugung und Erfahrung. Deshalb juble und klatsche ich mit, wenn jeden Morgen pünktlich um acht zwei nationalistische Ereignisse ablaufen: drinnen am Radio wird die Landeshymne gespielt, und draussen im Freien zieht die Schulleiterin die Landesfahne hoch. In der ESMONO und in jeder Schule im Land. Die Schulfahne flattert während des ganzen Schultages und wird nach Schulschluss wieder eingezogen. Dieses Zeremoniell ist fast heilig und lässt die Äuglein der Knirpse und Kokorättchen aufleuchten. Ist denn das nicht das Wichtigste in diesem Land, auf dieser Welt?

(siehe auch :
Tag der Fahne
Märchenglaube (auf eigenes Risiko)
Meine Kolumnen )

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