Kolumnen von Otto Hegnauer


Die Wilden Schulen

von Otto Hegnauer

( 29.10.09 )

( auch publiziert am 29.10.2009 in
http://latina-press.com/swissfot-haiti/2191/die-wilden-schulen-auf-haiti/
http://www.presse-kostenlos.de/kommentar-und-kolumne/wilden-schulen-hati_178024.htm
http://www.hispaniolanews.net/joomla/index.php?option=com_joomlaboard&Itemid=38&func=view&catid=6&id=8385#8385 )

ANAED-Symbol

In vielen Ländern leben Menschen in abgelegenen, weit entfernten Gebieten, die etwa in Haïti nur in stundenlangem Ritt erreichbar sind, und natürlich verfügen nur wenige über Pferd oder Esel. Ein Schulobligatorium ist nicht durchsetzbar, und den meisten fehlt das Geld zur Bezahlung einer Schule oder eines Transportmittels dorthin. Allzu oft fehlt sogar eine Strasse oder Piste, die mit Fahrzeugen bewältigt werden kann, wenigstens zu gewissen Zeiten.

Ganz ähnlich ist es bei den Kindern in den Städten, selbst in der Prinzenstadt, vielleicht sogar bei Nachbarn grosser Schulen. Denn fast alle Schulen, auch die gespendeten von Staaten und NGOs, müssen sich durch einen Obolus schadlos halten, Gratis-Schulen gibt es kaum. Doch selbst das kleinste Scherflein wird zu einem Vermögen, wenn Vater und Mutter keine Stelle haben und nichts verdienen. Und die gibt es, millionenweise. Also gbt es auch Millionen von Kindern, die nicht zur Schule gehen dürfen, weil sie das Geld nicht haben dazu, für die Schule, die Bücher, die Transporte.

Zudem "lohnt" es sich weder für den Staat noch für NGO-Hilfsorganisationen, an solchen Orten Schulen zu bauen und zu unterhalten; die mir bekannten Anstalten liegen zwar manchmal auch weit weg von der nächsten Siedlung, aber umfassen immerhin meist mindestens 300 Schüler, sodass die Anstellung einiger ausgebildeter Lehrer Sinn macht. Diese arbeiten dann in 2-3 Schülerschichten. Auch die Probleme mit Abwart und Mittagsverpflegung - meist nur eine Suppe und zugleich die einzige warme Mahlzeit des Tages - wollen geregelt sein.

Wilde Schulgruppe

Selbsthilfe-Schule abseits der Pisten

Mit mehr oder weniger Unterstützung durch Staat oder NGOs kommen dann etwa kleine Schulen zusammen, wobei den Knirpsen immer noch mehrstündige Fussmärsche zugemutet werden, bei Regen sogar unmöglich, und oft sogar barfuss. Bei vielen fehlt eben das Geld selbst für die Schuhe. Keine ausgebildeten Lehrer kommen in diese Schulen, und die Lehrkräfte arbeiten gratis. Das ist nach meinem Dafürhalten immer noch besser als die Lösung, die ich in Afrika angetroffen hatte, wo Soldaten als Lehrer in solche Schulen abkommandiert wurden. Die zwangsweise Zentralisierung und Umsiedlung, ebenso in Afrika angetroffen, ist wohl die schlechteste Lösung und führt zur beschleunigten Verwilderung und Verwüstung des Landes, zur Zerstörung von Bauernland und zu weiterem Hunger.

Sogar Tiere haben ähnliche Probleme. Intelligentere Biester bündeln ihre Jungen zuweilen zu Scharen, die als Spielgruppen betrachtet werden können, oder die Jungtiere finden sich selbst so zusammen. Solche Jungscharen werden als "Schulen" bezeichnet. Bekannt sind Schulen vor allem bei Walen und Delfinen, aber auch bei Mantelpavianen, Gemsen und sogar Murmeltieren beobachtete ich ähnliche Phänomene.

Schliesslich bleiben nur Lösungen wie bei Walen und Delfinen, Lösungen mittels Selbsthilfe. Tümmler brauchen für ihre Tanzkurse genug Wasser, "wilde" Lehrer genug Schatten, den eines Mapou oder Mangobaums. Als Lehrperson wirkt ein begabter Erwachsener oder eine gewitzte Schülerin, ohne Lehrplan und Ähnliches. Zum Beispiel Französisch oder Englisch durch jemand, der, hoffentlich, etwas Französisch oder Englisch kann. Es bleiben noch, auch hoffentlich, noch Lesen und Schreiben.

Wilde Schulgruppe

Lernen daheim ist angesagt

Eine neugebildete Organisation von jungen Himmelsstürmern, zum Glück gibt es noch solche, hat mich um Hilfe gebeten. Mit dem Namen ANAED für "Aide NAtionale pour les Enfants Démunis" und dem abgebildeten Signet suchen die jungen Leute zur Bildung wilder Schulen im ganzen Land aufzumuntern, so wie gechildert, zu beraten und zu helfen. Sie haben auch keine Mittel, aber sie können doch manchem Mut machen, etwas zu tun. Selbst ohne Geld. Mindestens so lange bis es für alle eine erreichbare Schule gibt, bis das Schulwesen überall und für alle existiert. Ich meinerseits sammle nicht mehr für das Fass ohne Boden. Aber ich sammle Rückmeldungen und Ratschläge, und ich bitte darum !

( siehe auch:
Heute ist Schulbeginn !
Die graduierten Feen und Nymphen
MEVA die Strasse aufwärts
Sie können nicht schreiben, aber malen und singen !
Sie wüteten, töteten 793 Menschen und nahmen 200'000 Schülern das Dach
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Leserreaktionen

Dein Artikel greift ein sehr wichtiges Thema auf - eine Thematik, welche uns sehr vetraut ist. Ich kann Euch zum jetztigen Zeitpunkt einfach mal alles Gute wünschen.

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Wenn irgend jemand sich als Lehrer betätigen will und Deutsch versteht, kann er sich jederzeit an mich wenden, und ich werde ihm fachmännischen Rat in didaktischen und lernpsychologischen Belangen geben. Im übrigen siehst Du ja auch den Boden im Fass nicht ... Und trotzdem machst Du noch was. Mehr können die Gewöhnlichen nicht. Aber jene dort ganz oben, die mit den Vermögen, welche jenes eines Bill Gates dutzend- und hundertfach übersteigt, die könnten, wenn sie wollten. Aber eben: Wenn sie wollten, hätten sie das Geld nicht. So liegen die Dinge auf diesem Planeten.

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Ich weiss gar nicht, wie ich auf deine Schilderung reagieren soll. Ich finde die Situation der Schule in Haiti so erbarmenswürdig, dass ich kaum Worte finde. Bei uns werden grosse Bildungsreformen ausgedacht und eine Menge Geld für dieses und jenes ausgegeben und bei euch ist die Schule ein unerhörtes Privileg. Ich kann mir vorstellen, dass die Kinder dann ganz anders wertschätzend den Unterricht besuchen. Bei uns ist meist nach wenigen Monaten ein Überdruss. Das Fernsehen ist aufregender und die Sportveranstaltungen spannender. Es tut mir weh, deine Schilderungen zu lesen. Dass du das mitansehen kannst?!

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Ich danke Dir herzlich - wir fühlen so ähnlich. Mit Deiner Reaktion hast Du ja schon ein kleines Tröpfchen beigetragen, denn die Leser lesen das auch. Ich glaube dass das jedesmal wirkt und höhlt. Ich hoffe nicht, dass ich "es" nur ansehe, oder den Kopf in den Sand stecke wie ein Vogel Strauss in Afrika ( was ja auch nicht stimmt ). Dass meine Tröpfchen verdampfen auf dem allzu heissen Stein, kann doch kein Grund sein, überhaupt nichts zu tun und WIRKLICH zuzusehen.

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Beim Lesen deines Berichts kommt in mir, wie häufig bei Artikeln über Projekte in der Dritten Welt, eine Mischung unterschiedlicher Gefühle auf. Einerseits die Betroffenheit, ja Bestürzung und das Mitgefühl; dann aber auch Gefühle des Staunens, Respekts und der Bewunderung. Mitten im grössten Elend gibt es immer wieder beeindruckende Beispiele von "small-is-beautiful"-Lösungen, welche von Erfindungsgeist, Selbsthilfe, Vitalität zeugen. Wie weit entfernt ist dies von unserem "Jammern auf hohem Niveau" !

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Vielen Dank, ganz meine Meinung ! Dass Tröpfeln und Tröpfeln aber nicht nur den Stein aushöhlt, sondern auch Kalk ansetzt, wissen wir als einstige Höhlenforscher ja auch. Und Kalk deckt eben zu...

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