Kolumnen von Otto Hegnauer


St.Andreas, der nordamerikanische Bruder

von Otto Hegnauer
( 1.2.2010 )

( auch publiziert am 1.2.2010 in
http://www.presse-kostenlos.de/kommentar-und-kolumne/himmel_1278536.htm &
http://latina-press.com/kolumne/swissfot-haiti/11432/heute-beginnt-die-schule-wieder/ )

St.Andreas-Graben © Wikipedia

Doch nicht immer braucht man ein paar hundert Millionen Jahre zu warten. Von der San-Andreas-Verwerfung habe ich schon in der Schule gehört; die Lehrer malten damals den Teufel an die Wand. In mir blieb das Bild einer unvorstellbaren Katastrophe, etwa so wie sie sich jetzt in Haïti abspielt. Das Bild unmenschlicher Spekulanten, die ihre Wolkenkratzer unentwegt mitten in die Todesfurche stellen, in der Hoffnung noch jahrzehntelang profitieren zu können bis das Unfassbare geschieht.

Ich warte immer noch auf den Rückflug nach Europa, nun einen Monat nach dem Desaster. Im Hotel in Santo Domingo knirscht es weiter mächtig und jeden Tag. Und jeden Tag begegnet man vor dem Hoteleingang neuen Flüchtlingen aus Haïti, die eine billigere Unterkunft oder einen Flug suchen, nach Florida, New York oder Kanada. Meist mit so vielen und vollgepfropften Koffern, dass das nächste Problem auf dem Flughafen schon vorgezeichnet ist. Und das Thema ist immer dasselbe: natürlich das Erdbeben. So ergeben sich ganz neue Informationen, Zeugenaussagen, wie sie sonst nicht erhältlich wären.

Man geht natürlich überallhin, wo schon Freunde und Verwandte leben. Heute wollen einige nach Los Angeles. Sie haben sich ebenfalls zum Thema Erdbeben informiert und vom Andreas-Graben gehört. Dieser sei in den letzten Tagen ebenfalls aktiv und erzeuge Beben bis zu acht und neun Richtergraden. Ich kann das nicht überprüfen, doch erstaunt mich sehr, dass dort trotz dieser Stärke keinerlei Schäden an Menschen und Häusern zu beklagen seien. Ob Architekten und Ingenieure in der Zwischenzeit gelernt haben, erdbebensichere Häuser zu bauen ? Mir ist das jedenfalls nicht gelungen, denn von meinem eigenen einstigen Betonhaus in Gressier besteht ja überhaupt nichts mehr. Trotz extradickem Beton mit extravielen Armierungseisen und guten Fundamenten in harter Felsunterlage. Auch die Menschen die dorthin wollen sind gefasst und ruhig, jedenfalls ruhiger als ich... Und sie haben sich bei Wikipedia gut informiert:

"Die San-Andreas-Verwerfung ist eine tektonische Störung, an der die Pazifische Platte an der Nordamerikanischen Platte vorbei driftet. Sie erstreckt sich über 1100 Kilometer Länge von Mexiko bis nördlich San Francisco und teilt den Bundesstaat Kalifornien in zwei Hälften auf, wobei San Francisco auf der Nordamerikanischen Platte und Los Angeles auf der Pazifischen Platte liegen. Sie ist eine der wenigen Plattengrenzen an Land; die überwiegende Zahl der Plattengrenzen liegt auf dem Grund der Ozeane."

"Die jährliche Verschiebung der Erdkrusten zueinander lässt sich anhand der abnehmenden Distanz zwischen Los Angeles und San Francisco bestimmen. Demnach beträgt sie etwa 6 cm pro Jahr. Die Bewegung vollführt sich jedoch nicht überall gleichmässig; einige Bereiche der Verwerfung bewegen sich fast ständig, während sich andere verhaken und sich nur gelegentlich ruckartig um z. T. mehrere Meter gegeneinander verschieben: ein bis zu sechs Meter beim San Francisco-Erdbeben von 1906. Beim Fort-Tejon-Erdbeben von 1857 soll die Verschiebung stellenweise sogar bis zu neun Meter betragen haben."

Das System der San-Andreas-Verwerfung soll seit 31 Millionen Jahren in Bewegung sein. In dieser Zeit hat sich die Halbinsel Reyes von Süden her um 450 km zu ihrem jetzigen Standort verschoben. Und immer noch tut sich viel im System der San-Andreas-Verwerfung: In hunderttausend Jahren wird Point Reyes eine Insel sein, die auf ihrem Weg nach Alaska die Bodega Bay „überfahren“ wird.

( mehr :
St.Andreas, der nordamerikanische Bruder

siehe auch :
Erdbeben, die Lehre
Wenn Kontinente spazieren gehen

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