Bilder der Götter
Manchmal nur in den Sand geritzt oder gestreut
von Otto Hegnauer
(16.6.2009)
(auch publiziert am 16.6.2009 in http://www.presse-kostenlos.de/kommentar-und-kolumne/bilder-goetter_145656.htm &
Ich pflege oft in dem heimeligen Hotel El Cubano in Pétion-Ville zu essen und zu nächtigen, wenn es draussen schüttet oder Melissa auf dem Markt einkaufen geht, was seine Stunden dauert. Ich nutze die Wartezeit, nicht zuletzt weil es hier WIFI und Strom gibt. Das bedeutet dass ich mit meinem Notebook in der Gaststube und in allen Zimmern ohne weitere Ausrüstung arbeiten kann. Viele meiner Geschichten sind hier entstanden. Der aus Natursteinen gemauerte Bau mit seinen dunklen Räumen, die einem Neuling Angst einflössen könnten, inspiriert mich sehr, besonders da ich meist der einzige Gast bin und in Ruhe arbeiten kann.
Die spärliche Beleuchtung ist nicht nur ein guter Schutz vor Hitze und Mücken, sondern verbirgt auch Dutzende von grossen holzgerahmten Bildern. Man entdeckt sie erst, wenn sich die Augen ans schummerige Zwielicht gewöhnt haben. Die Figuren zeigen auf braunem Sacktuch weiss aufgemalte ungegenständliche Muster, die es mir angetan haben. Es sind Symbolbilder von Voudou-Gottheiten, "Vévé" genannt.
Ich habe sechs Vévés aus Wikipedia zu einem Bild vereint. Sie zeigen, von links nach rechts, oben das Symbol des "Ayizan", "Baron Samedi", "Damballah", unten "Legba", "Maman Brigitt" und "Ogoun". Es gibt aber nicht nur sechs Gottheiten in der Voudou-Religion, sondern hunderte. Der oberste Gott ist "Bondye" ( Le Bondieu, der Liebe Gott ), es folgen "Papa Legba", als Mittler zwischen den Göttern und Menschen, "Agowu", ein Dämon, der Stürme und Erdbeben auslöst, "Damballah", der Gott der Schlangen, "Ogu", der Gott des Krieges, "Ghede", "Agwe", "Erzulie" und weitere hunderte von Göttern, Geistern und Ahnen, "Loas" genannt. Sie alle haben ihre Symbole, und jedes Zeichen hat seine Bedeutung. Sie bilden ein Element der haïtianischen Kunst. Kunst, Magie und Religion lassen sich da nicht so genau trennen.
Meist sind es aber nicht gemalte Kunstwerke, sondern Streu- oder Steckbilder. Sie werden mit staubförmigen Materialien, Asche, zerstoßenen Eierschalen, Maismehl, Mehl, Reis, Bohnen, Pflanzenteilen oder anderem ebenfalls kultischem Zaubertand während eines Rituals ausgelegt, gesteckt oder gestreut, zum Beispiel um das Erdloch für einen Verstorbenen, das vielleicht mit Nahrung für das "Leben" nach dem Tod gefüllt ist. Oder sie spielen eine Rolle während Opferritualen, wie sie mit Tieren häufig und mit Menschen umstritten sind. Manchmal werden sie auch nur mit Kreide auf dem Boden erstellt oder einfach mit einem Stock in den Sand oder Boden geritzt.
Wieviel Vévé-Rituale über den afrikanischen Kulturimport hinaus- und auf die vorkulombianischen Ureinwohner zurückgehen, ist nur Spekulation. Von den Religionen der indianischen Ureinwohner, der Sarawaken und Tainos, weiss man nicht viel. Ein paar übriggebliebene Felsbilder mögen davon zeugen. Die aus Westafrika importierten Sklaven haben ihre eigenen Naturreligionen mitgebracht, die als Voudou ( Vodoo, Wodu, Vaudou ) bekannt wurden und heute noch praktiziert werden, vor allem in Haïti und in der Diaspora, überall dort, wo viele Haïïtianer leben.
Naturreligion, Magie, Volkskunst oder "hohe" Kunst kann mir eigentlich egal sein - die Bilder der Götter sind einfach schön und gefallen mir. Genügt denn das nicht ?
( siehe auch
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Haïti ist das Land der Bilder
Zeitungen für die die nicht lesen können
Sie können nicht schreiben, aber malen und
singen !
Riechst du die Farben, siehst die Musik ?
Geschöpfe des Teufels
Klamauk à Gogo
Pfahlbau auf Schienen
Sie schnitzen an Bäumen und an ihrer Zukunft.
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