Kolumnen von Otto Hegnauer


Aktuell, heute ist Schulbeginn !

Bildung in Haïti

von Otto Hegnauer

(auch publiziert am 6.10.08 in http://www.presse-kostenlos.de/bildung-und-karriere/pressemitteilung_922488.htm
sowie in http://www.aqua-marina.de/articles/article-6.html
)

Heute ist Schulbeginn. Chaos, Stau auf den Strassen, einen Monat zu spät. Wegen Gustav, Hanna, Ike & Cie. Ein Anlass für mich, etwas über die hiesige Bildung zu schreiben. War ja da auch einmal engagiert. Ich schreibe wohl in die Luft. Denn die die da was ändern könn(t)en, sprechen ja ohnehin nur Englisch und kein Deutsch..

In Haïti mangelt es an Schulen, Lehrmaterial und qualifizierten Lehrern. Da viele Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können, schicken sie ihre Kinder abwechselnd oder gar nicht zur Schule. Obschon da jedes Blättchen in den "normalen" Ländern schreibt: "Haïtis Hoffnung ist die Jugend."..

Selbsthilfe-Schule in Lasaline

Selbsthilfe ist angesagt. Ich traf Müttergruppen, die die Schuhe ihrer Kinder verkauften und weitere sammeln, um einen Lehrer zu bezahlen. Der Staat tat dies damals nicht, der hat selber kein Geld. Die Schule war zudem abgelegen. Übrigens beschrieb ich den Fall auch dem Präsidenten einer Schweizer Stiftung, "Gott hilft" oder so was, einem renommierten Pfarrer. Aber Gott half nicht. Der lokale Pfarrer unterstützt ein klein wenig, aber er kann auch nicht viel helfen. Auch nur ein Tropfen auf den heissen Stein. - Nicht einmal eine Strasse führt hin, und statt einer Brücke ein Baumstamm über den Fluss. Deshalb brauchen die Kinder ja keine Schuhe, sie können barfuss zur Schule gehen. Es wohnen hunderte oder tausende dort, es können ja nicht alle in der Stadt wohnen, zum Glück. Aber eben, "draussen" gibt es vieles nicht, zum Beispiel eben Schulen

Ein Beispiel von heute: Kinder entwickeln in einer Schule Radiospots, damit auch die Erwachsenen lernen, wie wichtig sauberes Trinkwasser und Hygiene sind (bravo !)

In Haiti geht jedes vierte Kind nicht zur Schule, das sind 500'000 Mädchen und Jungen, weil es zu teuer ist, oder weil die Verkehrsmittel und -wege fehlen. Oder auch zu teuer sind. Oder der Wohnort zu abgelegen. Wie die im nächsten Bild gezeigte Schule, die sogar staatlich ist, nur per stundenweiten Ritt von Tsavo aus erreichbar. Sie liegt im Bergland - und kostet Geld - die Lehrer abeiten auch hier nicht ganz gratis - aber die meisten Menschen hier verdienen nichts. Wieviele Kinder (nach stundenlangem Fussmarsch) hieher finden und wieviele nicht, ist nicht eruierbar

stundenlanger Ritt zur Schule ob Tsavo

Abgelegene Schule ob Tsavo

Und die hieher finden, die haben Glück. Wirklich. Denn die andern, besonders die Mädchen, die müssen arbeiten. Zum Überleben. In der Familie, im "Jardin" (Agrarland), oder vedingt, bei einer andern Familie, oder verkauft, als Sklaven - in die Stadt, oder ins Ausland. Sogar in die "entwickelten" Länder (ich verrate nicht welche, ich möchte ja noch weiterleben). Die haben immer noch Glück, denn sie wurden nicht getötet, oder gekocht und gefressen (oder sagt man dem "gegessen" ?) (siehe Haïti - wohin treibst du ?)

besonders klevere Kinder entdecken das Selbstlernen zuhause

ohne schützende Hand verloren...

Die Tropenstürme Gustav, Hanna, Ike und Nachfolger (es regnet ja immer noch) taten ein übriges (siehe Augenzeugenberichte). Der Beginn des neuen Schuljahres wurde wegen beschädigter Schulen von Anfang September auf Anfang Oktober verschoben. Das ist jetzt

Nirgends ist die Bildungssituation ähnlich dramatisch. Es gibt ein Schulobligatorium, aber keine unentgeltlichen, viel zu wenig öffentliche Schulen. Und diese sind für die meisten unerschwinglich, denn die Lehrer arbeiten ja auch hier nicht ganz gratis, und die Lehrmittel werden auch nicht alle geschenkt. Und das Land ist weitläufig, und es gibt so wenig Strassen und Verkehrsmittel, und wo es ein Tap-Tap (Verkehrsmittel) gibt, sind sie auch unerschwinglich. Für die Menschen, die meist nichts verdienen. "Und die Unterrichtsqualität soll so schlecht sein, dass die Kinder kaum etwas lernen" (zit. UNICEF, www.unicef.de/)

"Die UNICEF hilft in ländlichen Regionen und Slumvierteln Haitis, einen guten Unterricht für 5.000 benachteiligte Kinder sicherzustellen." Die UNICEF und ein paar andere Organisationen tropfen also auf den heissen Stein, immerhin besser als nichts. Zehn Schulen werden dafür mit Tischen, Bänken und Tafeln sowie mit Trinkwasser ausgestattet

Collége Suisse, die Privatinitiative eines Schweizers

SOS Enfants Haîti, die Privatinitiative eines anderen Schweizers

Die Erwachsenen müssen aber nicht nur lernen, wie wichtig sauberes Trinkwasser und Hygiene sind, sie sollten auch lesen und schreiben lernen, und französisch, und vielleicht sogar englisch. Wunschdenken. Die Alphabetisierungsrate ist bei Frauen 50%, bei Männern 54% (offiziell, nach www.plan-deutschland.de), andere Quellen schreiben 75 %. Die Wirklichkeit ist noch viel düsterer. Denn das Land ist weit und unerschlossen. Die UNO hat das richtig erfasst - es ist NUR mit Helikoptern zugänglich. Und die kosten 3- und 4stellig pro Minute, und es gibt ihrer zu wenig. Auch Flughäfen. Also müssen Flugzeugträger her. Flugzeugträger als Ersatz für fehlende Flughäfen sind auch nicht billig. Und bei den Haïtianern die diese Kosten sehen, schürt das Probleme, etwa soziale. Sie betrachten das als Korruption und Diebstahl. Aber Super-Puma-Piloten und Flugzeugträger-Kapitäne (nur Beispiele) arbeiten auch hier nicht gratis. Und an der Bildungssituation ändert das nichts

Staatssekretariat für Alphabetisierung

auch weit abgelegene Gegenden müssen ihre Schule bekommen !

Nach dem Lesen und Schreiben-Können folgt das Sprechen. Das Babylon-Problem. Haïti ist zweisprachig. Überbleibsel aus der Herren- und Sklavenzeit. Die schmale Oberschicht spricht Französisch, die breite Masse Kreolisch. Etwa 1803 machte sich Haïti uabhängig, und die Probleme begannen sich zu potenzieren. Seit damals wird die Einführung der Mehrheits- und Landessprache Kréol in den Schulen postuliert. Um die "soziolinguistischen Hindernisse" der sozialen Integration zu entfernen wurde 1979 eine Erziehungsreform durchgeführt, die das Kreolische ("le patois ou la langue des analphabètes") in den Schulen als gleichberechtigt mit dem Französischen einführen wollte. Ein Bericht schreibt, dass nur 3% bis 8% der Schüler (wieviel o/oo wenn man die grosse Mehrheit, die Nichtschüler, mit einbezieht ?) beide Sprachen verwenden und in der Schule, zu Hause oder zur Korrespondenz verwenden. In den Privatschulen werde Französisch bevorzugt. Klar, sind ja auch das Reservat der "Edelhirsche". Französisch bleibe auch die Sprache der Literatur. Ein anderer Bericht schreibt, 51,4% der Schüler verwenden ausschliesslich Französisch, 44% Kreolisch in der Schule.

Jetzt kommt das Englisch. Sprache von vielen Millionen Ausland-Haïtianern, in den USA, Kanada, der ganzen Welt. In der "Diaspora". Auch in den Medien, vor allem im Internet, in den Anleitungen und Handbüchern von Werkzeugen und Technologien und in den Lehrgängen höherer Ausbildungen kommt keiner mehr ums Englisch herum. Aber auch in fortschrittlichen Kindergärten wird Frühenglisch gelehrt, gesungen, gespielt. Und weil Englisch ein Statussymbol ist, sprechen dich "Le Blanc" (Weisser) auf der Strasse Erwachsene wie auch Kinder jeden Alters mit ein paar aufgefischten "englischen" Brocken an - und wenn du deine Muttersprache Deutsch sprichst, verwechseln sie dies ohnehin mit Englisch. Was tut's. Für Kindergärten und höhere Ausbildungen reichts den allermeisten ohnehin nie, das "Kob" oder "César" (Bares). Englisch lernen scheint jedenfalls die neue Strömung zu sein. Reklamebanner für Englisch-Kurse überspannen die Strassen,

Das Lernen der Neuen Weltsprache...

...wird über der Strasse...

...an der Strasse,...

...sind auf Hausmauern aufgemalt, finden sich an Autos, Bäumen und Sträuchern. Natürlich sind einmal mehr nur die Eliten, die "Edelhirsche" angesprochen - die Millionenmasse ist nicht dabei

 an Häusern und auf Bämen beworben,

...und als Schulen dienen selbst Ruinen.

Laboratoire de langues modernes

Was tut's, wenn man mich ausfragt und ich von meiner Wahlheimat erzähle, verwechseln viele meiner Landsleute (ich fürchte auch andere Europäer) "Haïti" immer noch mit "Tahiti". Und als ich in meiner ("relativen") Jugend in den USA einige Vorträge halten durfte (damals noch bezahlt, und erst noch auf deutsch !), haben einige Zuhörer die Schweiz auch nicht gekannt, mit Schweden verwechselt, oder erst erkannt wenn ich sagte, die Hauptstadt sei "Geneva" oder "St.Moritz".... So lernte ich zu lügen, ich käme von St.Moritz, und man verstand !!!

Swissfot
Otto Hegnauer


Leserzuschriften erbeten, danke !

Die Probleme, die Du beschreibst, scheinen mir derart gigantisch, dass ich ratlos davor stehe und mir einfach nicht vorstellen kann, wie ein Land je aus einer solchen Misere herauskommen soll

Leider haben wir hier auch eine Misere, allerdings ganz anderer Art: Wissenschaft, Technik und Geld überwuchern immer mehr die Menschlichkeit. Die Entwicklung unserer Schulen ist zum Verrücktwerden. Am Schluss bleibt eine tyrannische Bildungsmaschinerie, die eigenständig ihren Irrlauf fortsetzt bis zu einem Zerrbild einer menschlichen Bildungsinstitution

(Ungenannt, ein Psychologe und Unterrichtsfachmann)

Unsere Schule, das COLLEGE SUISSE, das Du in der Photo zeigst (in "Bildung Haïti", Red.Bemerkung), ist leider schwer havariert. Ich habe überall Hilfe gesucht aber noch nicht genügend gefunden. Vielleicht kannst Du unseren Hilfeschrei in die Schweiz weiterleiten

( Gottfried Krauchi, Schulleiter COLLEGE SUISSE, Jacmel) (für Kontakt bitte anklicken )


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