Fast gewassert
von Otto Hegnauer
(15.11.2008)
(auch publiziert am 15.11.08 in http://www.presse-kostenlos.de/reise-und-tourismus/pressemitteilung_2039184.htm So endete mein schönster Flug
Ich bin nun bald 80 und habe Zeit, ein bisschen aus meinem Leben zu erzählen. Ich lebte still und "heimlifeiss" (das ist gut schweizerdeutsch), und niemand hat von meinen schönen Erlebnissen erfahren. Ich hab davon nicht einmal meinen Eltern erzählt, aus Angst, sie könnten sich sorgen oder, als ich jünger war, mich nicht mehr gehen lassen.
Ich habe das und jenes schon geschildert, mit Internet und Notebook ist das leichter als früher. Und mit den Googels & Co. ist auch das Aufgefunden werden kein Kunststück mehr. Wie beschrieben habe ich zuerst Gratis-Abenteuer geschildert, die ohne Budget oder Beziehungen erlebbar waren. Im Gegensatz zu diesen "Nonvaleurs" wie Das Geheimnis der Hegnauerhalle oder 10 Stunden auf Todesflucht vor dem Wasserteufel war es diesmal ein kostspieliger Spass, auf den wir lange gespart hatten. Aber er war das Vermögen wert, das es jeden gekostet hatte.
Schon die fliegerischen Erlebnisse waren unbeschreiblich. Sie übertrafen sich fast täglich, von der Querlandung in einem Sahara-Sandsturm bis zu den Polizeischikaneuren, die uns wegen eines angeblich fehlenden Stempels vom Flugplatz zum Hotel zu Fuss gehen liessen und uns per Motorrad folgten. Auf dem gleichen Flugplatz öffneten die Zollbeamten mit schmutzigen Fingern fast alle Tampons unserer wutentbrannten Damen und fragten, wozu das denn diene, so was hatten sie noch nie gesehen. Sie glaubten das könne nur Drogenzeugs sein und zerstörten alle. Natürlich durften wir, wegen eines angeblich fehlenden Visums, das Hotel nicht verlassen. Da wir keine Wegflugerlaubnis erhielten, gelang Koni der frühmorgendliche Start und Wegflug unter einer List, und unter einem Kugelhagel des Militärs. Diese Flugplätze hatten es in sich, einige waren unbesetzt, und man umkurvte zuerst einigemal das Dorf oder das Hotel, um sich bemerkbar zu machen - so kam dann schon ein Fahrzeug, um uns zu holen. Von einer der Wüstenpisten mussten erst im Tiefflug die blockierenden Tierherden verjagt werden, auf einer anderen bewarfen uns Affen während der Landung mit Steinen.
Ich schätze das Erleben der Landschaft. Da sind die Geisterformationen, Steinbögen und Canyons des Hoggar oder Tassili n'Ajjer, die im Tiefflug einen einmaligen Anblick bieten. Wir erklommen auch den ab Meereshöhe direkt und steil auf 4095 m aufsteigenden Mount Cameroon und liessen uns durch den Anblick der Rumsiki-Berge an der Grenze zu Nigeria verzücken, wo bodenlose Canyons gähnen, vollgespickt von einem Wald Zigarrenberge, dünn wie Säulen, senkrecht, hunderte von Metern hoch, unersteigbar, grandios, eine Landschaft die jede Phantasie übersteigt.
In den Mandarabergen thronte der König der Mandara, dessen Schloss auf einer schroffen Bergspitze lag, und in dessen Mauern hunderte auffallend schöner und junger Frauen lebten, jede mit drei Hütten mit Kegeldächern (je ein Küchen-, Speicher und Schlafhaus), also deren hunderte - ein wundervoller Anblick. Der König selbst bewohnte in der Mitte des Burgdorfs den höchsten, mehrstöckigen Turm. Er hatte die Gewohnheit, aus jedem seiner Stämme die schönste Vertreterin zu heiraten, zugleich als ethnisches Bindeglied - das ergab die bunte Zusammensetzung. "Aber wo sind die Älteren, es gibt ja nur Junge hier" fragte ich meinen Lokalführer. "Il les chasses" (er jagt sie zum Teufel), lautete die lakonische Antwort. Der König war der einzige Greise den wir sahen; er zeigte uns voll Stolz seine Gemächer voll alter Gewehre. Draussen sangen die jungen Frauen und stampften tanzend ihre grossen, hölzernen Mörser.
Ich liebe Tiererlebnisse, auch an solchen fehlte es nicht. Manchmal waren sie gefährlich, von der Wespenwolke in Waza, vor der wir uns nur noch bäuchligs retten konnten, bis zum Löwen, den ich beim Anhalten des Leihlandrovers im gleichen Nationalpark beinahe übersehen und aus dem Schlaf wachgetreten hatte - zum Glück reagierte er nur mit einem Grunzen.
Ein Höhepunkt war der Tagesausflug mit Pygmäen in einer Pirogue in die Urwälder Äquatorial-Guineas, wo wir über einen Märchenfluss tief in den Dschungel fuhren. Dort verloren sie prompt den Motor und konnten ihn nicht wieder ertauchen. Das Rudern zurück war mühsam. - Wir glaubten, alles erlebt zu haben - aber es noch "dicker".
Es war Sonntagmorgen, der letzte Flug. Wir waren, eine Handvoll Flugschüler mit ihrem Fluglehrer Koni, unterwegs auf dem Rückflug nach Zürich, wohin uns wohl noch zwei Stunden fehlten. Morgen werden wir getrennt sein, jeder wieder seiner Arbeit nachgehen, Koni wird die Maschine allein nach Frankfurt zurücksteuern, dachten wir. Die Filme gefüllt zum Bersten, die Köpfe überladen mit Eindrücken, die Maschine mit Souvenirs.
Es war Februar. Unter uns schillerte fahlgrau das Mittelmeer, man sah ihm die Kälte an. Da geschah es. Pilot und Kopilotin wurden sichtbar nervös und trieften vor Schweiss, hebelten im Cockpit umher, der Benzindruck des Motors fiel zusammen, wir hörten den Funkspruch des Maydays, dann das fahle Kommando "Schuhe aus, Schwimmweste an !" und die Feststellung, dass die Maschine die Höhe nicht halten konnte - sie war zu überladen, wohl auch schlecht geladen, nicht mehr den Regeln der "Lade-Enveloppe" folgend.
Wir beobachteten draussen einen Schweif: Benzin dampfte aus einem lecken Tank ins Freie - wir waren schliesslich alles brevetierte Piloten, und niemand musste uns erklären, was das bedeutet. Das Benzin konnte jeden Moment Feuer fangen, die Maschine explodieren. Unsere Reaktionen waren individuell verschieden, teils panikartig. Während Koni und die Kopilotin seine Freundin schweissüberströmt weiterhebelten, ohne Echos ins Leere funkten, machten die einen mit zittrigen Händen ihre letzten, wohl unscharfen Fotos, andere kritzelten ebenso zittrig etwas auf ein Papier, wohl das Testament oder einen Abschiedsbrief, Anna neben mir riss vor Aufregung den Sitz aus den Nieten (ein spanischer Untersuchungsrichter glaubte später nicht, dass man derartige Bärenkräfte entwickeln könne), und ich, ja ich muss gestehen - Tränen kollerten, und dachte "Schade, jetzt ist Schluss. Aber ich habe wenigstens gelebt in meinem allzu kurzen Leben, mehr hätte ich in der Zeit nicht erleben können", war traurig, aber dankbar. Ich dachte, wie kalt wohl das Wasser da unten sei, das immer näher kam, und wie manche Minute man da wohl überleben könne, bis der Tod durch Unterkühlung einträte (es waren 10 Minuten, fanden wir später heraus). Und auch meine Handlungen waren unlogisch: ich spulte den letzten Film in der Minolta zurück und verstaute ihn in einer der Brusttaschen, den Pass - das wichtigste Dokument - in der anderen - im Falle der Wasserung wäre beides durchnässt und unbrauchbar geworden.
Stundenlange Minuten. Zwei Schutzengel flogen über uns, vorerst ohne dass wir das wussten. Der eine steuerte gütig unser Schicksal und machte, dass das Abenteuer gut ausging und niemand sein Leben verlor. Der andere war eine Verkehrsmaschine - ich weiss nicht mehr von welcher Airline - die hoch über uns gegen Afrika flog, unseren Notruf mit Positionsmeldung auffing, den Kurs änderte, mit Koni erfolgreich Funkkontakt herstellte und "Relais" machte, das heisst unsere Meldungen an die Flugdienste weiterleitete.
Land in Sicht - ob wir es wohl noch erreichen konnten ? Klippen und Berge - ob wir sie wohl noch zu überfliegen vermochten ? Und - oh Wunder: eine Betonpiste in Sicht, gleich hinter der Küste. Koni hatte den unbedienten Militärflugplatz auf der Karte gefunden und korrekt angeflogen - und schon landeten wir, glücklich, erleichtert und unversehrt. Koni rollte beiseite, und kurz hinter uns landete eine zweite Maschine auf der Piste: der zweite Schutzengel, die Verkehrsmaschine !
Das "Empfangskomitee" stand schon bereit, weitere Fahrzeuge rasten an, mit Blaulicht und Hörnergeschrei, Soldaten, Polizisten, Feuerwehr, Ambulanzen und sogar Hunde. Denn Spanien wurde ja damals durch Terroristen bedroht, und wir waren vorerst nichts als verdächtig. Immerhin zirkulierte ein Arzt mit einer Spritze und befragte uns, ob wir uns alle wohlfühlen, ob jemand verletzt sei oder Hilfe brauche. Auch der Kapitän unseres Schutzengels kam liebenswürdig vorbei, begrüsste alle und erkundigte sich nach unserem Wohlergehen, um dann gleich wieder wegzustarten, einmal ohne "Ready for Take-Off", Clearance und Tower.
Es folgten stundenlange Verhöre und Interviews, ich weiss nicht mehr, wie das sprachlich funktionierte - denn niemand von uns sprach spanisch. Ich weiss nur noch, dass die Leute immer freundlicher wurden und sich die Schwerbewaffneten allmählich zurückzogen. Schliesslich wurden wir, todmüde und immer noch schockiert, in Taxis zu einem Hotel gebracht.
Endlich wieder einmal an einer Bar. Wir wurden wie Helden behandelt, jetzt und die ganze folgende Woche. Harte Drinks ad libitum und - wie wir später entdeckten, alle gespendet. Natürlich suchte jeder von uns mal seine Telefonkontakte, meist mit der Familie und dem Arbeitgeber in der Schweiz. Ich vergesse nie mehr, wie ich meinem Chef telefonierte, am letzten Tag meiner ohnehin allzulangen Ferien, ich sässe wegen Notlandung in Spanien fest und könne morgen leider nicht zur Arbeit erscheinen - Näheres folge sobald bekannt. Wer hätte eine solche Geschichte wohl auch geglaubt. Auch er glaubte mir die Schauergeschichte nicht und denkt vielleicht noch heute, das ganze sei inszeniert gewesen um die Ferien zu verlängern.
Wir lebten in dem Hotel länger als erhofft, die ganze Woche lang, unter besten Konditionen. Für allfälligen Augang war uns ein Taxi reserviert. Aber wir hatten nur freien Lokalrayon, wir hatten uns für allfällige behördliche Aktionen zur Verfügung zu halten. Aber es war niemand um Ausgang zumut. Die behördlichen Untersuchungen zogen sich lange hin. Es wurde ein Benzinleitungsbruch als Ursache ermittelt. Die Leitung war wegen Vibrationen gebrochen, verursacht durch eine gebrochene Niete. Sie war angeblich letztmals an einer Generalüberholung in der Werft von Douala (Kamerun) kontrolliert worden. Weitere Nachforschungen waren Sache der Versicherungen. Was uns betraf, war der Entscheid des spanischen Luftamtes, die Benzinleitung dürfe notdürftig repariert werden (durch den örtlichen Goldschmied gelötet aber vom Luftamt kontrolliert), die Maschine dürfe aber nicht mehr für Passagierflug eingesetzt werden. Es gab eine beschränkte Flugbewilligung für Koni und den Rückflug nach Frankfurt allein.
So blieb uns nichts anderes übrig, als uns nach dem nächsten Flughafen und Linienflug nach der Schweiz zu erkundigen und zu buchen. Es war Samstag, als uns morgens vor dem Hotel ein Bus erwartete und uns in mehrstündiger Fahrt auf einen Flughafen brachte. Zum letztenmal versuchten wir unser umfangreiches Übergepäck ohne allzuviel Kosten aufs Flugzeug zu bringen, und mit einwöchiger Verspätung erreichten wir Zürich.
Swissfot
Für andere Artikel von Otto Hegnauer siehe "Eigene Artikel"
Leserreaktionen willkommen
Sie haben zufällig einen "Fliegerkollegen" über das Internet angetroffen. Denn beim Lesen Ihrer Artikel war ich mehr als überrascht, dass auch Sie dem Flugsport nachgehen. Selbst fliege ich in Deutschland Flugzeuge der "Ecko-Klasse". Anbei drei Bilder, aufgenommen auf meinem Heimatflugplatz EDFB ( Reichelsheim / Hessen ) nähe Frankfurt am Main. Das benutze Flugzeug ist eine Katana DA20.
http://www.aqua-marina.de/articles/article-11.html)

Otto Hegnauer
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