Mein Türmli
von Otto Hegnauer
(25.2.2009)
(auch publiziert am 25.2.2009 in http://www.presse-kostenlos.de/kommentar-und-kolumne/tuermli_2783648.htm &
Ich sei ein Vogel der hoch hinauswolle, so pflegen mich gelegentlich Freunde zu beurteilen. Ich führte ja gerne Flugzeuge über die Alpen, mehr als 3500 Stunden lang, mit mehr als ebensovielen Landungen. Und ich habe meinem Haïti-Haus ein Türmchen aufgesetzt. Keinen Turm, um den beschriebenen Anschein, und den Anschein babylonischer Nachahmung mit entsprechenden Folgen zu vermeiden. Sprachverwirrung herrscht hier ohnehin, auch ohne Babylon. Kreolisch, Französisch, Indianersprachen wie Arawak, Karib und Taíno, und mein Deutsch, nicht gerade eine reinrassige Mischung, da verständigt man sich besser nonverbal.
Babylon mochte ein möglicher Zufluchtsort werden, für den Fall, dass Gott eine weitere Sintflut schicken wollte. Obschon der Meeresspiegel jährlich um 2 cm steigen soll, wird er mein Haus nie erreichen, auch wenn alles Eis der Erde dereinst geschmolzen ist. Und schon gar nicht zu unseren Lebzeiten. Das Haus liegt bereits auf einem Hügel, und das Türmchen hat damit rein nichts zu tun.
Auch der Turm der Hassan-Moschee von 1191, in der Hauptstadt Marokkos, war zu hoch und wurde nie vollendet, mein Türmli schon, es bildet den vierten Stock meines Hauses. Von ihm werden keine Sagen und Geschichten erzählt, deshalb bleibt es eben ein Türmli. Da drin liegt mein Heiligstes, der Computer mit Internet-Terminal, Modem und was dazu gehört, und natürlich ein Rattan-Bett und eine Tischlampe, auch aus Rattan. Solarpanels und Satellitenschüsseln sind draussen und stören mich nicht.
Von der grossen Terrasse im dritten Stock führt ein Gang zu einer steinernen Wendeltreppe, die über ein paar Stufen zum Heiligtum hinaufführt. Jeden Tag ein paarmal hinauf und hinunterzusteigen bringt etwas Kondition, die darf man ja keineswegs vergessen. Besonders in meinem Alter. Durch die Lochbacksteine der Mauern kann man auf den Garten und die Eingangsstrasse hinunterblicken und sich mal vergewissern, wer da kommt.
Wenn ich die Stahlwand gegen das Meer hinaus öffne, kann ich sogar vom Bett aus den blauen Golf von Port-au-Prince überblicken, meist ist das Wetter so klar, dass ich die Berge drüben sehe. Wenn ich hinaussteige auf den Umfassungs-Balkon, sehe ich tief unter mir die gottlob noch unverbaute Küstenebene mit den traditionellen Feldarbeiten, und ganz unter mir meinen tropischen Garten. Hier stehen die einstigen Zimmerpflanzen aus meinem Waltensteiner Schulhaus, aus den meist 20, 30 und mehr Zentimetern sind ebensoviele Meter geworden. Nichts scheint ihnen unerreichbar zu sein, fast wie beim Turm zu Babel.
Ich kann vom Türmli aus waagrecht in die Geheimnisse ihrer Kronen blicken, ich hoffe immer noch, hier eines Tages noch eine Riesenboa zu entdecken. Oft muss ich ihren Grössenwahn gar stutzen lassen, oder eine Zyklone bewerkstelligt dies auf natürliche Weise.
Ebenfalls vom Türmchen aus und ebenfalls ein paar Meter waagrecht schwätze ich jeden Morgen mit Madame Sarah oder lausche schmunzelnd im "Plongée" ( wie man bei den Filmern einen Tiefblick nennt ) dem Mascaron mit seinem ganz ähnlichen Repertoire.
Obschon von hier aus kein Schiff, das die Hauptstadt ansteuert, und kein Flugzeug auf der westlichen Rutschbahn vor meiner Neugier sicher ist, lag mir jeder Gedanke an einen Control Tower fern. Zwar geniesse ich die prachtvolle Rundsicht von hier aus täglich, oft auch die warme Sonnenstrahlung bei einer Siesta auf dem Balkon, aber vor allem koste ich den ständigen, erfrischenden Meerwind. Er macht nicht nur das Leben hier oben angenehm, sondern vertreibt auch Mücken und andere ungebetene Insekten. Meine Freunde die Geckos finden trotzdem noch genug Leckereien. Damit sich diese an der Decke konzentrieren, drehe ich die Rattanlampe an.
Und erst die Klangwelt, vom Rauschen des Meeres, des Windes, den Schilfgesängen der sich reibenden Zuckerrohr- und Palmblätter bis hin zu den Liedern der Vögel, dem Zirpen der Zikaden und dem Zirren der Amphibien, manchmal auch Musik, Gesänge und menschliche Laute. Von den grossen Terrassen im Erdgeschoss dringen zärtliche, sphärische, ätherische, himmlische, götterhafte Klänge herauf, die mich beflügeln, wie in einem buddhistischen Kloster. Sie stammen von den Windglockenspielen, die ich an mehreren Orten unter den Bögen versteckt aufgehängt habe. Wäre Goethe zugast, er würde bestimmt nochmals sagen "Die Sonne tönt nach alter Weise". All das lässt sich zusammenfassen in einem einzigen Wort: Inspiration.
Es gibt auch Störmomente. Gottlob selten, einmal das Stromaggregat eines Nachbars, oder ein gelegentliches fernes Autohupen von der Küstenstrasse her. Die auf dem "Long Final" über dem Meer anschwebenden Flugzeuge stören mich nicht, wäre ja krankhaft, bei einem ehemaligen Flugzeugführer und Vielflieger. Die Helikopter der UNO-Truppen höre ich sogar gern und trete oft hinaus, um ihnen zuzuschauen. Oft haben sie erstaunlich schweres und interessantes Gerät angehängt. Ich weiss auch, dass jeder derartige Einsatz einem guten Zweck dient und dringlich ist.
Ein einziges, völlig unbeleuchtetes Schiff hört man nachts zwischen zwei und drei ganz leise stampfen: es ist die Fähre vom Prinzenhafen nach Jérémie, die Grossstadt nahe der Nordspitze der Insel. Die 100'000-Einwohner-Stadt ist auf dem Landweg kaum und entsprechend teuer erreichbar. Der Flug ist zwar möglich, aber für Normalsterbliche unerschwinglich. Deswegen ist die Fähre das einzige Verkehrsmittel und entsprechend hoffnungslos überfüllt. Die fast regelmässigen Kenterkatastrophen dieser Linie sind weltweit pressebekannt. Da die Haïtianer meist nicht schwimmen können, waren so immer wieder hunderte und sogar tausende von Todesopfern zu beklagen. Die im Warteraum ankernden Schiffe hört man kaum, ausser seltenerweise die drei Hornstösse vor dem Ablegen, aber nachts liefern sie ein Gefunkel von Lichttupfen und ganzen Lichterkompositionen.
Die Sonnenuntergänge vom Türmchen aus sind ein unbeschreibliches Schauspiel. Jeden Abend klingt die Sonne aus. Viele nehmen das hin, ohne je hinzuhören. Morgen wird sie auf der anderen Seite, über der Prinzenstadt, wieder auf ihre uralte Weise neu erklingen, Haïti erwärmen und, endlich, endlich gedeihen lassen.
( siehe auch meine Andere Artikel
Swissfot
Leserreaktionen willkommen
Ganz herzlichen Dank für deine Türmli-Geschichte, sie ist sooooooooo schön! Eigentlich ist es ja gar keine Geschichte. Aber ich staune immer mehr wie du die Realität erzählst. Auf deine ganz spezielle, wunderschöne Art. Sehr feinfühlig! Ich freue mich schon auf deinen nächsten Artikel !
von Micha Brasilien 25/02/2009
von Swissfot 25/02/2009
von Micha 26/02/2009
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Wir sind glücklich von Ihnen zu hören. Glücklich, dass Sie am Leben sind, und das hat uns sehr erleichtert. Natürlich tut es sehr weh, wenn man allen Besitz verliert. Damit ist es aber leider nicht genug. Sie verloren ja auch unzählige, nicht in Geld bezifferbare Werte und Erinnerungen. Das - denken wir - schmerzt noch mehr.
Schade, dass wir nun Ihr Türmli und Ihre Terrasse nicht mehr genießen können. Das sind erneut verpasste Gelegenheiten, die nie in dieser Form wieder nachgeholt werden können. Daraus werden wir jedenfalls lernen.
Wenn in Haiti auch unser Haus wieder hergerichtet ist, werden meine Frau und ich gern anreisen. Vielleicht finden wir ja eine andere Terrasse, um unsere interessanten Gespräche fortsetzen zu können. Alles Gute, alle Kraft dieser Welt und herzliche Grüße.
http://www.hispaniolanews.de/joomla/index.php?option=com_joomlaboard&Itemid=38&func=view&id=6609&catid=6)
Otto Hegnauer
( Bildecke oben links anklicken )
Mein Freund--du wohnst ja ganz nobel. Ich hoffe doch, Dich eines Tages besuchen zu können. Gruss aus Tutoia Micha
Hallo Micha, du bist willkommen - Haïti ist eine Reise wert ! Gruss aus Gressier Otti
Ich nehme dich beim Wort--bin am Jahresende für ein paar Wochen in der Heimat--auf dem Rückflug---mal sehen