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Neue Lernformen: Webinar


Vom Leserad zum Webinar

von Otto Hegnauer
(17.12.2008)

(auch publiziert am 17.12.08 in http://www.presse-kostenlos.de/kommentar-und-kolumne/leserad-webseminar_1408008.htm )

Lernstation VideoMit

Lernstation VideoMit

Die Fähigkeit zu lernen ist für Mensch und Tier eine Voraussetzung zum Leben und Überleben. Jedes Lebewesen muss sich der Umwelt anpassen und diese wenn nötig verändern können. Dies gilt mit der beschleunigten Entwicklung zum Beispiel der Technologie immer mehr. Man muss jeden Tag, jeden Augenblick lernen. Meine Standardphrase: wer nicht mehr lernt, ist bereits gestorben.

Der Säugling schreit und schaut, was dann passiert. Wenn er Erfolg hat, Zuwendung, Nahrung, schreit er in Zukunft wieder sobald er sich vernachlässigt fühlt oder Hunger hat. Am Anfang gilt "Versuch und Irrtum" ( trial and error ) . Es werden so lange Lösungsmöglichkeiten probiert, bis die gewünschte Lösung gefunden wird. Dabei wird die Möglichkeit von Fehlschlägen in Kauf genommen. Gebrannte Kinder fürchten das Feuer. In der Computerwelt drücken Kleinkinder ohne weiteres wahllos Tasten und schauen, was dann passiert. Wenn etwas Interessantes auf den Schirm geschieht, drücken sie zuerst irgendeine, dann dieselbe Taste wieder.

Man lernt aus Fehlern, das ist ihr Vorteil. Für viele Fehler gilt, dass sie nur einmal gestattet sind, da man sonst ja nicht gelernt hat. Es gibt aber Fehler, die nicht gestattet sind - zum Beispiel solche mit Todesfolgen. Versuch und Irrtum sind hier nicht mehr gestattet. Hier hilft nur Instruktion. Eine Handlungsanweisung durch eine übergeordnete Person, dem Vater, der Mutter, dem Chef, Instruktor oder Coach.

Beim selbstgesteuerten Lernen organisiert der Lernende oder die Lerngruppe selbst, wie sie ihr Lernziel erreichen wollen. Es gibt hier keine Autoritätsperson mehr, wie bei der Instruktion, und die Lernenden sind weniger an andere ausgeliefert und fremdbestimmt. In der Gruppe kommen zudem die Synergieeffekte, wobei sich die Lernenden gegenseitig fördern. Solche Gruppen können z.B. Gruppen im Klassenraum, aber auch ganze Unternehmen sein ( vgl. Aristoteles „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ ).

Lernen durch Lehren bedeutet, dass sich die Lernenden den Stoff gegenseitig beibringen, sei es innerhalb einer Klasse oder Lerngruppe, sei es in einer Gesamtschule in der die älteren Schüler die jüngeren unterrichten und dadurch selber lernen. Dies hat einen angenehmen ökonomischen Nebeneffekt: man kann Lehrer einsparen. Durch Lehren lernt man selbst am meisten, gilt es doch, den Stoff auch für die Schwächsten aufzubereiten und verständlich zu machen. Wenn du etwas nicht verstehst, versuche es einem andern zu erklären ! Wahrscheinlich verstehst du es nachher.

Auch Lernen am Vorbild ist eine der ältesten Lernformen der Tiere und Menschen. Lernen am Vorbild, Muster oder Modell erfolgt schon durch blosses Zuschauen, wird verstärkt durch absichtliches stückweises Vormachen, Nachahmen und Üben. Lernen am Vorbild wird dann schwierig, wenn Vorbilder fehlen. Etwa im beruflichen Lernen. Wo die Chefs oft kein gutes Vorbild sind. Oder die Muster kaum zugänglich sind. Dann kommen die Medien, vor allem der Film zum Einsatz.

Hier können berühmte Vorbilder eingebunden oder durch Schauspieler gespielt werden, in einer so ausgefeilten Technik dass man sie vergisst - mindestens near-tv und tonlich near-radio, und in einer zielgruppennahen Sprache, am besten im Dialekt, Niveau und Slang der Lernenden. Dies gilt besonders für Stoffe die "reingehen" sollen, also zum Übermitteln von Gefühlen und Haltungen. Mit Windows-Fensterchen in denen zerhackte unscharfe und unverständliche Filmstücke erscheinen, keine Chance. Da erreicht man allenfalls das Gegenteil. Ähnliches gilt für gekaufte, gemietete oder sonstwie ergatterte fremde Filmkonserven.

Schon im 16.Jahrhundert begann man, Lernen mittels Maschinen effektiver zu gestalten. Die wohl älteste Lernmaschine wurde 1588 vom italienischen Ingenieur Agostino Ramelli entwickelt, als er für den König von Frankreich ein Leserad erfand. Durch dieses Leserad wurde das Zugreifen auf Literaturquellen ohne grosses Geläufe ermöglicht.

In den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts wurde das Programmierte Lernen erfunden. Vor allem in der Wirtschaft setzte man Lernmaschinen ein. Der bisher einzeln zu vermittelnde Lernstoff musste nur noch einmal aufbereitet werden und konnte jetzt beliebig vielen Auszubildenden über beliebige Distanzen zugänglich gemacht werden. Die Programme wurden per Kurier oder Post verteilt. Das Tele-Lernen bezw. Fernstudium hatte begonnen. Anfänglich funktionierten diese Lernmaschinen mechanisch mit Tasten, kombiniert mit Dias, die mit Hebeldruck weitertransportiert wurden, später mit Filmpräsentation. Der Stoff wurde in sinnvolle Lernschritte aufgegliedert und nach Vermittlung jeden Teils mit Mehrfachauswahl-Aufgaben (MC, Multiple Choice) abgefragt, bei dem zu einer Frage mehrere vorformulierte Antworten zur Auswahl standen. Die richtige war herauszufinden, und eine Belohnung zum Beispiel durch ein Lob verstärkte die Lernwirkung. Bei richtiger Lösung konnte das Programm weiterverfolgt werden, bei falscher fiel man zum letzten Lernschritt zurück. Die Teilnehmer schätzten diese Lernform vor allem, weil man sich nicht zu schämen brauchte wenn man was nicht verstand, weil man lernen konnte wann man wollte und so langsam man wollte, weil man beliebig wiederholen konnte und sich nicht zu schämen brauchte ob falscher Antworten usf.

Bisher erfolgte noch alles analog. Jetzt hatte aber das Digitalzeitalter begonnen. Die Lernmaschinen wurden durch Computer mit entsprechenden Programmen ersetzt, die bisherige Kurier- und Postverteilung der Programme erfolgte nun digital über Kabel oder Satellit. Das Online-Lernen oder e-Learning hatte begonnen. Nachdem ich schon vorher im Bereich Lehrmittelherstellung selbständig gearbeitet, seit Jahren Aufträge für die Migros ausgeführt und als Filmlehrer in deren Klubschule gewirkt hatte, fragte mich eines Tages ein Schuldirektor ob ich nicht Lust hätte die Ausbildung der 80'000 Mitarbeiter in In- und Ausland neu auszurichten und mit Medien zu unterstützen. Natürlich hatte ich Lust, und 1981 trat ich in den Konzern ein, um nochmals 14 Jahre unselbständig zu arbeiten. Eine meiner ersten Aufgaben war es, das schon seit 10 Jahren bestehende System analoger Lernmaschinen wie beschrieben abzulösen und durch modernere Medien zu ersetzen. Ich baute eine Abteilung mit mehreren Mitarbeitern auf, die unter anderem ein Video-Studio einrichtete und sich nach ausführlichen Recherchen für das interaktive Videosystem VideoMit (später CD, www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/Presse-Jubilaeum.htm) entschied, das wir mit andern Firmen weiterentwickelten. Ich verweise für Interessenten auf den vorstehenden Link.

Natürlich konnte ich die Welt neuer Probleme mit meinen Mitarbeitern, darunter Dutzende von Externen, nicht allein lösen. So suchte ich Kontakt mit den zwanzig grössten Firmen und Institutionen der Schweiz und einigen aus Deutschland und Frankreich. Ich lud die Ausbildungsverantwortlichen dieser Firmen zum erstenmal nach Bad Schinznach ein. Die Gruppe fand diese neue Arbeitsform so nützlich, dass sie sich jährlich mindestens zweimal treffen wollte, und dass jedesmal ein anderes Gruppenmitglied für Organisation, Programm und Einladung verantwortlich war. Wir nannten das Gremium "Gruppe Schinznach" und beschlossen auch, um effizient zu bleiben keine weiteren Mitglieder aufzunehmen. Das trug mir den Vorwurf ein, Lobbyismus zu betreiben. Wir machten eine Ausnahme, da später auf eigenen Wunsch Vertreter sämtlicher Schweizer Universitäten dazukamen.

Das Limit für Kader war damals auf 62 gesetzt, und so ging ich 1992 in Pension und siedelte mich in Haïti an. Ich bedauerte sehr, dass sich das jetzt beginnende Internet-Zeitalter nicht früher entwickelt hatte. Über das nun mögliche WBT (Web Based Training) könnten deshalb nur meine Nachfolger berichten. Aber ich bin überzeugt, dass sich mit den seither entstandenen neuen Medien die Ausbildungsprobleme noch effizienter lösen liessen.

Unter e-Learning werden alle Formen des Lernens verstanden, bei denen digitale Medien zum Einsatz kommen. Synonyme Begriffe sind Telelernen, multimediales Lernen, Open Learning, Distance Learning, computergestütztes Lernen, CBT für Computer Based Training und WBT für Web Based Training. In Deutschland hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung mehrere Initiativen ins Leben gerufen um diese Lernform zu fördern, zum Beispiel "Schulen ans Netz", "Neue Medien in der Bildung" und "Notebook-University"; in anderen Ländern bestehen ähnliche Projekte. Lernen zuhause ist das Lernen der Zukunft.

Anfang der 1990er Jahre wurden Planspiele unter Forschungsaspekten und im Management-Training bedeutsam. Durch die Verbreitung des Internets erfuhr das e-Learning einen starken Aufschwung. Die Entwicklungen neuer Simulationen, Videokonferenz-, Teleteaching-, Learning Management-, Planungs-, Zertifizierungs-, Learning CONTENT=Management- und anderer Systeme überstürzen sich fast. Learning Communities und Virtual Classrooms ermöglichen den verstärkten Einbezug sozialer Komponenten.

Bereits sind Webseminare oder Webinare per Internet Tatsache. Alle wünschbaren Medien können zugespielt werden, Interaktivität und alle Lernformen sind möglich, die üblichen hohen Seminarkosten für Reise, Hotel und Verpflegung entfallen, die für Referenten werden durch Verteilung stark reduziert. Sogar soziale Kontakte sind möglich, wenn auch unbestritten weniger attraktiv als sich persönlich gegenüberzusitzen und "aus der Nähe" zu riechen...

Internet und e-Mail werden heute millionenfach als Kontaktplattform von Schulen, Schulklassen und Schülern aller Länder genutzt und dienen so nicht nur der Völkerverständigung und Kontaktschaffung über alle Grenzen hinweg, sondern bei Kontakten unter Verschiedensprachigen vor allem dem Erlernen von Fremdsprachen. Millionen von Schülern tun dies gezielt, oft über eigene Fremdsprach-Lernseiten, die Kinder korrigieren sich gegenseitig, und nicht selten sprechen sie bereits besser Englisch als ihre Eltern.

Auch Lehr- und Lernmittel bleiben nicht stehen. Vom Leserad zum Webinar war es ein weiter Weg. Aber er ist noch nicht zu Ende. Was er wohl in ferner Zukunft bringen wird ? Wird man eines Tages am Handy, aus der Armnanduhr oder einer Art Kreditkarte lernen ? Oder nehmen uns Computerwesen das Lernen ab ? Seien wir offen für neue Entwicklungen, dankbar, aber kritisch !

(siehe auch Andere Artikel ).

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Otto Hegnauer


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