Wasser ist Grundlage des Lebens. Alle Organismen leben von Wasser (Feuchtigkeit), Nahrung und Wärme. Wenn man auf fremden Sternen nach Leben sucht, sucht man zuerst nach Spuren von Wasser. In Haïti leiden die meisten Menschen unter Mangel an Wasser (UND Nahrung !). Dabei mangelt es im Land keieneswegs an Wasser. Haïti liegt im Bereich der tropischen Regenwälder, und die Niederschlagsmenge ist überdurchschnittlich. Aber es hapert an der Verteilung.
Bis vor 200 Jahren wurde Haïti "die Perle der Karibik" genannt. Seitdem hat sich Haïti vom reichsten Land der Karibik zum Armenhaus, ja zum Abfalleimer Amerikas verwandelt. Das Ergebnis der vor 200 Jahren erzwungenen Selbständigkeit mit anschliessender Misswirtschaft und Ausbeutung durch nicht weniger als 68 Tyrannen und Despoten. Heute versuchen die internationale Völkergemeinschaft (MINUSTAH) und zahllose NGOs (private Hilfsorganisationen), die Suppe auszulöffeln.
Die Wasserprobleme beginnen schon, wenn der Regen - oft wolkenbruchartig - auftrifft. Die Wälder sind kahlgeschlagen, Aufnahme und Rückhaltung findet weder in Pflanzen noch im Boden statt. Humus fehlt, der Regen prallt ab, letzte Reste von Boden mitreissend. Erosionsfurchen entstehen. Künstliche Rückhaltehilfen fehlen, keine Staubecken, keine Wildbachtreppen, Wasserbau ist ein Fremdwort. Es entstehen auch keine Quellen, die gefasst werden könnten, höchstens ein paar tiefliegende Stromquellen von ungefiltertem Karstwasser.
Die CAMEP ist die staatliche Institution für Wasserversorgung. Aber die Verteilnetze sind unvollkommen. Zu Wasser hat nur Zugang wer in seiner Nähe wohnt. Da gibt es sogar oft zu viel Oberflächenwasser, aber auch Grundwasser und sogar gelegentlich artesisches Wasser.
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Die Menschen bauen ihre Häuser ohne Rücksicht auf die Wasserversorgung. Oft in die Steilhänge oder auf Gräte und Bergkuppen, häufig auch im Gefahrenbereich von Schlammlawinen und Erdrutschen. Sie sind es gewohnt, Wasser zu suchen - oft in schmutzigen Pfützen und Bachläufen, es stundenlang heimzutragen, und dies jeden Tag. Tankwagen bringen Wasser zu den Villen der Reichen, für die anderen, in die Quartiere und in kleinere Siedlungen kommen kleine Camions mit verchromten, buntbemalten Trinkwassertanks von Privatfirmen. Das Wasser wird gallonenweise in mitgebrachte Gefässe abgefüllt und verkauft, pro Gallone (4,6 Liter) 5-6 Gourdes/20 ct. Diese Wasserwagen sind von weitem erkennbar, da sie ihre Kennmelodien über Lautsprecher abspielen, gespielt von auffälligen elektronischen Pfeifen. Dabei spielt und wiederholt jedes Fahrzeug seine eigene, stereotype Melodie, die bei den Kunden als "Ohrwurm" eingeht, sodass jeder sofort erkennt, wenn sein Wasserlieferant hier ist. Ich habe diese Ohrwürmer lieben gelernt, an denen im ganzen Land sofort erkennbar ist, wo es zu trinken gibt.

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Wenn Wasserzubringer fehlen, gibt es vielleicht im Quartier ein "Eau Miracle", wo Wasser gesammelt, trinkbar aufbereitet und verkauft wird, etwa zum selben Preis. Wer es sich leisten kann, kauft idustriell aufbereitetes Trinkwasser, zB. "Culligan", in vollen Gallonen, wie die 4,6-Liter-Flaschen ebenfalls genannt werden. Man bringt ein Leergebinde mit und tauscht es aus. Preis ca. 60 Gd/2.40 Fr./Gallone, ohne Gebinde.
Für die völlig Mittellosen bleibt nur die Suche nach mehr oder weniger Schmutzwasser, aus gesammeltem Dachwasser, aus natürlichen Gewässern, aus Abläufen oder aus Pfützen. Kein Wunder, dass da die Sterblichkeit bis zu einem gewissen Schwellenalter hoch ist; kein Wunder, dass man resistent wurde, wenn man dieses Alter unbeschadet übersteigt (mittlere Lebenserwartung 56 Jahre, Mittleres Alter 18 Jahre).
Wasser ist nicht nur wichtig als Trink- und Reinigungswasser. Auch für die Bewässerung spielt es eine grosse Rolle. Rund 900 qkm Reisfelder und andere Kulturen werden in neuerer Zeit durch ein Kanalnetz bewässert. Bedeutende Kanalprojekte werden durch Missionen und Hilfsorganisationen realisiert, besonders in den grossen Ebenen der Nordhalbinsel, zB. des Artibonite.
Meer und Binnengewässer sind bedeutende Nahrungslieferanten. Fische und "Lambi" (Meeresfrüchte) sind die Hauptnahrung der mittellosen Bevölkerung. Dabei spielt die zunehmende Gewässerverschmutzung eine vernichtende Rolle, wurden doch sämtliche Abfälle seit Generationen hieher entsorgt. Die Fischerei ist neben der Landwirtschaft seit jeher der Haupterwerb des Landes. Sie wird mit steinzeitlichen Mitteln, etwa primitiven Einbaumkanus und nächtlichen Segelfahrten mit Locklichtern betrieben. Die Lambi werden auch von Maskentauchern gesammelt und häufig auf Ruderbooten geröstet und gleich verkauft.
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Das 28'000 qkm umfassende Haïti ist nur durch wenige km ausgebaute Strassen und ein paar schwierige, vorsintflutliche Pisten "erschlossen". Ein Grossteil des Landes ist für Landtransporte unzugänglich. Haïti verfügt mit 1800 km über eine enorme Küstenlänge. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Städte und Siedlungen nur auf dem Wasserweg erreicht werden können. Die Boote sind primitiv und stets überladen. Es erstaunt nicht, dass es immer wieder zu Schiffskatastrophen kommt - besonders da die meisten Haïtianer nicht schwimmen können.
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Die Hauptstadt ist ein bedeutender Hafen. "Port-au-Prince" bedeutet auf deutsch soviel wie "Hafen des Prinzen". Die moderne Seeschiffahrt ist weltweit reglementiert, wie auch die Luftfahrt, und durch moderne Technologien gesichert. Aber noch vor kurzem war auch eine Seefahrt hierhin ein Abenteuer, und gar mancher Frachter strandete in Nacht und Sturm auf den gefährlichen Korallenriffen, die die Insel lückenlos umfassen, Beim Landeanflug auf Port-au-Prince überfliegt man den Hafen, und schon vom Flugzeug aus lassen sich in seiner Umgebung mehrere Wracks beobachten. Auch die Piraterei war eine gefürchtete Gefahr.
Als Vergnügungsfaktor spielt das Wasser kaum eine Rolle, im Gegensatz zum südlichen Nachbarn, der Dominikanischen Republik. Die über dieselben Naturgrundlagen verfügt wie Haïti bis vor 200 Jahren. Einzig Labadee hat als Touristenort eine Bedeutung. Hier wurde der feine, weisse Sandstrand und die umgebende Natur gepflegt, das Areal durch eine "Chinesische Mauer" abgeschottet und im Sinne heutiger Touristen "entwickelt".
In dieser abgelegenen Bucht landen wöchentlich zweimal Kreuzfahrts-Schiffe, jedesmal mit 4000 Touristen, die sich hier vergnügen, baden, die modernsten Wasser-, Segel- und Motorsports betreiben, Hamburger und Hotdogs verschlingen und Souvenirs kaufen - Hotel gibt es keines. Man kehrt aufs Schiff zurück, um dort "richtig" zu essen und zu schlafen. Man war in "Haïti", glaubt man. Ich glaube, es war eher eine Art Disneyland.
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Daneben gibt es ein paar einheimische Touristenstrände, vor allem an der Côte des Arcadins. Die Hotels sind wenig leistungsfähig, die Strände wenig gepflegt, Wassersport- und Vergnügungsmöglichkeiten kaum entwickelt, die Preise unangemessen. Und an der Golfküste gegenüber da gibt es überhaupt nichts, die bestehenden "Strände" sind kiesig und ungepflegt, das Meer oft schmutzig, die "Hotels" komfortlos, häufig unsauber oder sogar unfertige Bauruinen. Wen wunderts, wie sollten Touristen auch herkommen auf solchen "Strassen" ?
Einzig das Klima, das stimmt. Wenn nicht gerade ein Hurrikan oder eine ganze Serie davon im Anzug ist (siehe Hurrikane 2008). So oder so, prächtige Wolkenstimmungen sind gewiss. Wolken sind ja auch Wasser. Je wärmer es über den Ozeanen wird, desto phantastischer bilden sie sich. Eben bis zum tropischen Platzregen oder dem Hurrikan. Dann sind die Strassen wieder unbegehbar, die Siedlungen unter Wasser, und es gibt Tote. Oft hunderte und mehr.
Die Brücken sind weggeschwemmt, man überquert die Flüsse wieder auf Furten oder überhaupt nicht mehr. Ganze Landesteile sind abgeschnitten. Es fehlt an Nachschub von Nahrung, Benzin und allem. Hier und jetzt gibt es Wasser im Überfluss. Aber für das Trinkwasser ändert das nichts...
(siehe auch meinen Artikel Haïti - Quo vadis ?)
Swissfot
Otto Hegnauer